Spiegel und Atlantic Das Prinzip Copy & Paste

Alles nur geklaut? Der neue Spiegel hat auffallend viel Ähnlichkeit mit der August-Ausgabe der Atlantic.

Von Hans-Jürgen Jakobs

In der Welt des Computers und des Internet hat sich ein Prinzip durchgesetzt, das Wissen ganz schnell verbreitet: Es ist das Prinzip Copy & Paste. Einfach zuerst den Befehl Strg-C und dann Strg-V eingeben, und schon sind ganze Textblöcke verschoben.

Strg-C und Strg-V hat keiner in der Chefredaktion und Titelbild-Abteilung des Hamburger Nachrichtenmagazins Der Spiegel gedruckt, als ihre Nummer 33 vom 11. August besonders schön werden sollte. Und doch sind die Ähnlichkeiten des aktuellen Spiegel-Covers mit einem bereits erschienenen Magazin aus den USA so groß, dass eigentlich ein kleines Informationshonorar an die Kollegen fällig wäre. "Macht das Internet doof?" fragen die Deutschen groß - "Is Google making us Stoopid?" heißt es genauso groß in der August-Ausgabe von Atlantic.

Infoflut und "Infomüll"

Wenn man das Wörtchen Internet durch den Markennamen Google ersetzt - der Online-Gigant will ja bekanntlich das ganze Internet "herunterladen" - dann hat man die identische Frage-Zeitschriftenüberschrift. Auch von der grafischen Anmutung her gilt bei Spiegel-Atlantic das Prinzip Copy & Paste: Die Google-Farben finden beide Male reichlich Verwendung. Es hat sich in Hamburg in der Eile vielleicht keine andere Idee finden lassen, obwohl der Spiegel-Reporter ausgiebig beschreibt, wie das menschliche Gehirn funktioniert.

Macht das Netz doof? Womöglich hat in diesem Spiegel-Fall das Internet einmal nicht schlauer gemacht. Die Geschichte selbst schildert sehr informativ das Problem, mit dem Informations-Overload umzugehen, mit all den überflüssigen E-Mails und SMS und Online-Versatzstücken, die sich dem Menschen den ganzen Tag lang präsentieren. Die Rede ist vom "Infomüll".

Auch der amerikanische Autor Nicholas Carr wird ausgiebig zitiert, schließlich hat er ja die Atlantic-Titelgeschichte geschrieben. Darin räsoniert Carr, dass er und andere Intellektuelle nach Jahren der intensiven Online-Nutzung Probleme hätten, lange Texte und dicke Bücher wie "Krieg und Frieden" zu lesen. Dafür braucht er selbst gefühlte 600 Zeilen.

"Wir sind, wie wir lesen"

Carr beschreibt, wie die Macher von Google das menschliche Gehirn so perfekt verstehen wollen, dass sie es quasi nachbilden und mit der optimalen Suchmaschine besser versorgen können, dass also künstliche Intelligenz das Gewerbe des Googleplex ist. Im Artikel wird eine Wissenschaftlerin der Tufts Universität zitiert: "Wir sind nicht nur, was wir lesen - wir sind, wie wir lesen."

Darüber hätten die Spiegel-Macher vielleicht etwas länger nachdenken sollen. Ansonsten führen die Autoren der Titelstory Klage über das verführerische Netz, in dem man leicht betrügen könne - wie manche Studenten, die ihre Seminararbeiten vor allem mit den Computerfunktionen "Kopieren" und "Einfügen" erarbeiteten. Ein Textkasten wiederum widmet sich neuen Schummelmethoden an den Schulen, wo Aufsätze "zusammengegoogelt" würden und Referate einfach kopiert.

Echt stoopid: Alles nur Copy & Paste!