Von Michaela Förster

Blitzaktion: Wenige Stunden nach dem Start nimmt Spiegel Online sein neues Prestigeobjekt schon wieder von der Homepage. Jugendgefährdende und rechtsradikale Inhalte waren durch das Filtersystem bei Last.fm gesickert.

So schnell kann es gehen: Nach nur wenigen Stunden musste Spiegel Online am Wochenende den Musikdienst Last.fm wieder aus seinem Medienangebot entfernen. Die im Vorfeld viel beworbene Kooperation wird für ungewisse Zeit auf Eis gelegt.

web 2.0 Bild vergrößern

Web 2.0: Wenn jeder mitspielen darf, lauern viele Regelbrecher. (© Foto: GettyImages)

Anzeige

Last.fm ist sowohl Internetradio als auch Web-2.0-Anwendung: Jeder User kann sich direkt beteiligen und Inhalte einspeisen. Mit einer Lieblings-Playlist und eigenem Nutzerprofil sollte sich der User über die Spiegel-Online-Seiten der Ressorts Kultur und Netzwelt im Musikportal vergnügen. Die Zahl der aktiven Nutzer wird auf 15 bis 20 Millionen geschätzt - und macht den Musikdienst zu einer der größten Web-2.0-Communities in Europa.

Last.fm sollte der Sender sein, der spielt, was der User hören möchte. Jetzt wurde er zum Sender, der zeigte, was man bei Spiegel Online nicht gerne hören wollte:

Pünktlich zur Kooperation mit dem Online-Magazin stolperte "das größte soziale Musiknetzwerk", wie sich Last.fm selbst nennt, über eben diese Menge an Inhalt und Usern. Der Jugendschutzfilter erwies sich als lückenhaft - trotz vorhergehender Prüfung. Erst nach dem Start, unter 150.000 wachsamen Augenpaaren der Seitenbesucher, wurden die Verstöße gegen Jugendschutz, vornehmlich in Form rechtsradikaler Musik, die gezielt eingespeist wurde, offenbar.

Das Problem: Selbst ein Team aus Experten kann bei einem Testlauf nie die Leistung Tausender aktiver User simulieren und alle Fehler im System aufdecken. Durch Verknüpfung harmloser Schlagworte mit bedenklichem Inhalt lässt sich kaum ein Filterschutz nicht umgehen: Filter arbeiten mit sogenannten Ban-Lists, die unerwünschte Musiktitel und Namen enthalten. Gegen den Einfallsreichtum des Menschen gibt es aber noch kein elektronisches Mittel.

Nutzer wiesen die Redaktion per E-Mail auf jugendgefährdende und rechtsradikale Inhalte hin. Laut dem Leiter des Ressorts "Netzwelt", Frank Patalong, selbst seit eineinhalb Jahren emsiger Last.fm-User, handelte es sich zwar nur um genau sieben Hinweise seitens der User - die aber reichten aus, um die Anwendung binnen 24 Stunden von der Seite zu verbannen.

Die Macht der User

Dabei wäre das Internetmagazin auch ohne diese Reaktion juristisch auf der sicheren Seite gewesen: Anbieter von Web-2.0-Diensten haben zwar dafür zu sorgen, dass gesetzlich verbotene Inhalte nicht verbreitet werden, jedoch nur ihren Kapazitäten entsprechend. Der Gesetzgeber erkennt an, dass solch enorme Mengen an Content von einer derart großen Anzahl an Nutzern, wie es bei Web-2.0.-Anwendungen der Fall ist, nicht gänzlich kontrollierbar sind. Die Redaktion hätte für die jugendgefährdenden Inhalte, die trotz Filter in Umlauf gelangt sind, nicht haftbar gemacht werden können.

Das Problem des verbotenen Contents ist also weder quantitativer noch juristischer, sondern politischer Art: Spiegel Online möchte auf keinen Fall mit rechtsradikalen oder jugendgefährdenenden Inhalten in Verbindung gebracht werden. Frank Patalong betont, dass die Redaktion sich lieber Aufwand und Blöße aussetzt, die vorangekündigte Kooperation auf Eis zu legen, als das Image des Namens "Spiegel" zu gefährden.

Ein Relaunch ist geplant, der Zeitpunkt aber noch ungewiss - erst wenn die technischen Mängel beseitigt seien und minutenschnell auf Hinweise von Nutzern reagiert werden könne, wolle man wieder neu starten. Ein Rechner aus Platinen und Chips wird eben nie in der Lage sein, das zu leisten, was Tausende User bewerkstelligen können - ob im positiven oder negativen Sinne.

Leser empfehlen 

(sueddeutsche.de)