Was tut man mit denen, die null Stunden arbeiten? Die Entscheidung ist von der Gesellschaft längst getroffen worden. Der Kapitalismus würde als solcher, als ganz und gar entfesselter, komplette Klassen zum Hungertod verdammen. Einen derart großen Anteil der Gesamtbevölkerung mit dieser Drohung zu konfrontieren, kann sich keine Gesellschaft leisten, die sich diesseits einer stalinistischen Klassenpolitik halten möchte und auf ihre Stabilität Wert legt.
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Und natürlich muss der Staat auch den Arbeitenden einen Teil ihrer Einkünfte abziehen für den Fall, dass sie aus dem Arbeitsleben ausscheiden; auf freiwilliger Basis wird ein großer Teil der Bevölkerung geeignete vorsorgende Maßnahmen nicht hinkriegen, weil er alles Geld, das ihm in die Finger fällt, sofort ausgibt, teils weil er nicht vorausdenkt, teils weil er es akut benötigt. Der Sozialstaat geht davon aus, dass man die Leute zu ihrem Glück zwingen muss. So kommt eine Staatsquote aus Abgaben, direkten und indirekten Steuern von rund 50 Prozent zustande.
Da wir von dieser Quote nicht herunterkommen werden, sollte man sich fragen, wie man die ohnehin fälligen erheblichen Summen zur Verteilung bringt, ohne Ausschluss, Demütigung und biografische Degradierung zu erzeugen. Im Grunde garantieren Staat und Gesellschaft längst jedermann ein Grundeinkommen, das er in jedem Fall bezieht, egal, was ihm widerfährt. Es hat sich bislang auf verschiedene Weise verkleidet, um seinen einheitlichen Charakter nicht preisgeben zu müssen: bei denen, die im Erwerbsleben stehen, als Sockelfreibeträge in der Besteuerung oder als Kindergeld, bei den anderen als Sozialhilfe und Arbeitslosengeld, vulgo Hartz IV.
Wie wäre es, wenn man das Bürgergeld, das faktisch da ist, endlich auch bei seinem Namen nennen wollte, um es bedingungslos und lebenslagenunabhängig auszuzahlen? Wenn alljährlich zur schönen Maienzeit wieder der Spargel sprießt und mit ihm die Debatte, warum die freiwilligen osteuropäischen Hilfskräfte ihn so schön stechen und die zwangsverpflichteten deutschen Arbeitslosen so miserabel, dann sollte man sich überlegen: Scheinbar bekommen beide Gruppen dafür gleich viel Geld, sagen wir 1200 Euro im Monat. Aber der deutsche Arbeitslose erhält auch ohne zu arbeiten schon, sagen wir, 1000 Euro. Er hätte also seine Arbeitskraft für 200 Euro zur Verfügung zu stellen. Ein solches Angebot, das wird jeder zugeben, ist eine Frechheit.
Gleichheit und Freiheit
Heißt das, der Arbeitsloser sollte 1000 Euro auch dann kassieren, wenn er sich weigert, Spargel zu stechen? Ja. Dann aber hätte er doch keinen Anreiz mehr, überhaupt etwas zu arbeiten? Dieser Einwand zeugt von einer alten Angst, die unseres Produktivitätsgrads und des Reichtums der Gesellschaft insgesamt nicht mehr würdig ist. Der Lebensstandard eines Langzeit-Arbeitslosen von heute dürfte höher liegen als der eines Hochofen-Arbeiters von 1950. Dafür existiert dessen Arbeitsplatz vielleicht heute gar nicht mehr. Warum sollte man die Leute zwingen, nach einer Arbeit zu suchen, die es nicht mehr gibt? Das führt nur zu Frustration auf allen Seiten. Es müssen heute nicht mehr alle arbeiten wollen, damit der Laden läuft.
Ein voraussetzungslos gewährtes Bürgergeld würde den Krampf lösen und den Zwang, dass sich alles menschliche Leben durch sein Verhältnis zur Arbeit zu rechtfertigen hat, beenden. Wer faul sein will, sei faul. Wer arbeiten will, tue das und kassiere eben entsprechend mehr dafür - und zwar richtig mehr, nicht bloß die kümmerliche Differenz zur Stütze: Das wird ein Stimulus von hinlänglicher Kraft sein. Außerdem bricht die Arbeit von unten nach oben weg, die Jobs verschwinden in der Reihenfolge ihrer Unattraktivität, gerade jene zuerst, die am meisten zur Drückebergerei verführen. Die stumpfsinnigeren Dienstleistungen werden aussterben, ja, alle warenproduzierenden Jobs im engeren Sinn, indem die Produktion insgesamt sich langsam jenen Vorgängen annähert, kraft derer in der Natur die Dinge von selber wachsen.
Eines Tages wird die Herstellung eines hölzernen Stuhls nicht mehr einen Holzfäller, einen Schreiner und andere knochenbrechende Gewerke erfordern, sondern die Stühle werden auf dem Feld von allein der Ernte entgegenreifen, weil die Materie dem schöpferischen Menschen jenes Geheimnis verraten hat, nach dem sie sich gewaltlos von innen heraus baut. Dann wäre es gut, wenn die Gesellschaft sich nicht länger über die Arbeit definiert: Es wird nämlich keine mehr da sein. Mit dem Abtrainieren sollten wir heute schon anfangen.
Vorerst bleibt uns der Sozialstaat mit seiner 50-Prozent-Quote, in der sich freilich auch eine wundervolle Balance ausdrückt. Läge sie bei 100 Prozent, hätten wir die totale Tyrannei, in der alles von einem brutalen Zentralstaat über einen Leisten geschlagen wird. Läge sie bei null Prozent, würden anarchische Zustände herrschen, wo niemand seines Lebens sicher sein könnte. Alle Werte dazwischen entsprächen einer Schlagseite zum einen oder zum anderen. Aber 50: 50, der Einstand der Waagschalen, das präsentiert sich als ein salomonischer Ausgleich jener zwei Dinge, die in jeder Gesellschaft am schwersten unter einen Hut zu bringen sind: Gleichheit und Freiheit.
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(SZ vom 6.11.2009/iko)
Moderne Verwaltung
Hallo alle,
das ist ja mal ein schöner Artikel, der auch in punkto Arbeitssinn in die Tiefe geht... wenn auch leider etwas einseitig, daher möchte ich klarstellen, dass "Arbeit" erstmal definiert sein muss.
Hier wird Erwerbsarbeit gemeint, nicht schöpferische Gestaltung oder notwendige Umstände zum Erreichen eines Zieles oder Aufwendung von Energie (Energieumwandlung).
Es gibt unzählige Menschen, die sogar für ihre Arbeit (also ihr Schaffen, das gar nicht so selten auch für andere von Nutzen ist als für die Schaffenden) BEZAHLEN oder zumindest nichts oder kaum was verdienen und die die Arbeit wegen ihres SINNS machen. Es ist nicht falsch, für 200 EUR mehr 30 oder 40 h die Woche zu arbeiten, wenn man das gern macht. Es ist falsch, es einfach so von allen zu verlangen und dabei dann keine vernünftige Grundsicherung zu leisten, sondern Abhängigkeiten und Instabilitäten zu fördern und beständig Menschen aus der dritten Welt mit Postindustriellen Problemen der Industrieländer zu belasten. Vor der Haustür produzieren ist ökologischer und senkt generell den Frust!
Ich möchte in 20 Jahren keine genmanipulierten Stühle vom Akker, gönne die aber anderen, die wirklich ihre Hände nicht rühren mögen, um mal ein Stühlchen für den Eigenbedarf zu produzieren (das darf doch um Gottes willen jeder selbst entscheiden) sondern durch das Bedingungslose Grundeinkommen (=BGE) endlich mehr Gestaltungsfreiheit für alle haben (will ich Biokartoffeln, darf ich die selber anbauen, auch wenn das heutzutage ökonomisch nicht sinnvoll wäre für eine Einzelperson etc. gärtnern lieben heute schon viele Menschen und leisten dabei physikalisch und auch "nachhaltig" mehr, als beim bezahlten Job/Einkommensplatz im Büro, wo sie z.B. Personal verwalten oder soziale und ökologische Kahlschläge verzapfen.
Nicht die Hartzis brauchen das BGE (die haben es schon und brauchen nur liebevollere Anerkennung und Freiheit statt Zwang, damit sie überhaupt wieder Ziele und Träume haben können)*, sondern gerade die Arbeitenden, die davon noch nicht befreit sind... und die Forscher, Journalisten, Umweltschützer, Eltern, Pfleger... um ihre Arbeit ehrlich und nicht vampirisch machen zu können!
*BTW: ich bin Hartzi-Aufstocker-Mutter und freiwillig selbstbestimmt Vollzeit-beschäftigt...
Das selbstbestimmte Gestalten und die Freiheit werden durch das BGE gefördert, ebenso aber die echte Arbeits- und Lesitungsbereitschaft, aktiv auf eigene Ziele hinzuarbeiten
Grundsätzlich stimme ich dem Artikel völlig zu - das Geld reicht tatsächlich für alle und ein Bürgergeld, wie von Werner Götz beschrieben, ist mehr als überfällig.
Das der Satz: "Wir können uns den Sozialstaat nicht mehr leisten - unseren Kindern keine solch gewaltigen Schulden hinterlassen", der jahrelang gepredigt wurde um die neoliberalen Agenda 2010-Reformen (Kürzungen/Enteignungen) durchzuführen niemals eine Legitimation hatte, sondern das ein Staatshaushalt sich eben nicht nach den gleichen Kriterien richtet, die ein Buchhalter in seinem kleinen Kosmos beachten muß und es dabei vor allem nicht darum geht (zumindest nicht in einem Staat der keine AUSLANDSSCHULDEN hat) wieviel Geld man tatsächlich hat, sondern er sich vor allem nach dem POLITISCHEN WILLEN richtet, zeigte die enorme Neuverschuldung samt Bad-Bank bei der Finanzkrise der Banken sehr eindrucksvoll. Da redete keiner mehr von astronomischen Schulden die man ja nicht machen könne weil man der nachfolgenden Generation das nicht mehr zumuten könne. Für die Banken kann man dieses Geld also aufbringen - für Menschen nicht.
Ihre Behauptung ein Arbeitsloser bekäme im Durchschnitt 1000 Euro stimmt bei HartzIV (und um diese Gruppe geht es ja beim Spargelstechen) für einen Alleinstehenden jedenfalls nicht. In Westdeutschland ist der Betrag für den Lebensunterhalt zur Zeit 359 Euro. Miete wird meines Wissens bis etwas über 300 Euro gezahlt. Dazu kommt noch die Krankenversicherung die die Arbeitsagentur bezahlt - vielleicht 150 Euro. Macht bei mir 800 Euro - selbst wenn es etwas mehr sein sollten werden 1000 Euro nicht erreicht. Und wenn der Arbeitslose hinzuverdient wird das mit den Leistungen zum Großteil verreichnet. Selbst bei einer regulären, schlecht bezahlten, Tätigkeit bleiben vielen nach Abzug auch nicht mehr als bei einem 1 Euro-Zusatzjob der dann vielleicht max. 150 - 200 Euro bringt.
Das ist nun wirklich kein Anreiz zum arbeiten. Aber zum arbeiten (wobei das ja - wie sich aus dem Artikel ergibt - ohnehin für einige sinnlos ist und gesamtgesallschaftlich unnötig da es keine Vollbeschäftigung mehr geben kann und wird) getrieben werden die Arbeitslosen ja auch nicht mit Verkockungen sondern mit Strafandrohung (kürzer der Leistung bis auf Null - also dem Hungertod - womit wir dann wieder beim Anfang wären denn den Spruch "Wer arbeitet soll auch nicht essen" scheint Herr Hartz jedenfalls auch verinnerlicht zu haben. Seine Reform funktioniert teilweise tatsächlich nach diesem Prinzip.
Nicht zu vergessen die Parteien, die einen Großteil ihrer Macht über die Wirtschafts-, Finanz- und Sozialpolitik erhalten. Die politische Ideologie aller Parteien stützt sich in ihrer Macht hauptsächlich auf die Saturierung der jeweiligen Klientel durch finanzielle Besserstellung. Dies wäre mit einem Schlag vom Tisch, womit auf einmal eine wirkliche, inhaltliche Auseinandersetzung mit Sachthemen mehr Gewicht bekäme. Und dies dann auch über Parteigrenzen hinweg.
Je mächtiger aber eine Partei, desto größer auch die Gefahr des Machtverlustes - aber ein BGE lässt sich nur mit Hilfe der Parteien durchsetzen.
Interessant ist in diesem Zusammenhanh, daß es Vertreter des BGE über alle Parteigrenzen hinweg gibt. Dies macht deutlich, daß sich das BGE (nach dem Modell von Götz Werner) zwischen abslolut kapitalistischem Neoliberalismus und totalen Sozialismus bewegt, und damit ideologisch kaum von einer Partei allein vereinnahmt werden kann.
Sicher vom Grundgedanken richtig und alle die hier schreiben, sehen es irgendwie ähnlich.
Nur da gibt es ein paar Millionen, die ohne eigentlich zu arbeiten, jedes Jahr Millionen bekommen. Verdienen kann man es nicht nennen und die sorgen schon dafür, dass so etwas nicht passiert wie Arbeits - Vermögensteilung.
Es gäbe noch viel mehr zu schreiben und zu argumentieren, prinzipiell wird deutlich, dass das größte Hemmnis die Barriere in den Köpfen ist. Uns geht einfach die Arbeit aus und eigentlich ist das hervorragend. Aber das stimmt nur zum Teil, denn Arbeit wird es immer genug geben. Eben in der Kunst, dem Ehrenamt, der Pflege, der Hausarbeit, der Erziehung, usw. gibt es einen immer eklatanter werdenden Mangel. Das bedeutet, lasst die Maschinen die unbequeme (industrielle und eintönige) Arbeit machen, verteilt den geschaffenen Wohlstand gleichmäßig und von der freien Zeit kann freiwillig und aus Freude am Arbeiten in den oben genannten Bereichen Zeit investiert werden.
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