Soziale Schieflage in Deutschland Sozialer Abstieg heißt jetzt Exklusion

In der Diskussion um Ungleichheit und Armut geht es nicht mehr um oben und unten, sondern um drinnen und draußen - zu Recht?

Von Jens Bisky

Bin ich noch drin und warum? Gehören die Frau an der Kasse, der ältere Mann, der bessere Tage gesehen hat und nun verlegen um eine Zigarette bittet, noch dazu? Oder handelt es sich um jene "Ausgeschlossenen", von denen die Soziologen seit einigen Jahren zu sprechen pflegen?

Drinnen oder draußen: Viele Menschen in Deutschland fürchten den sozialen Abstieg

(Foto: Foto: ddp)

Fragen wie diese wird sich jeder aufmerksame Zeitungsleser stellen. Ungleichheit und Armut gehören zu Recht zu den beherrschenden Themen im Lande und werden es auf absehbare Zeit auch bleiben.

Wer darüber spricht, kann es scheinbar naiv tun wie einst der sozialdemokratische Vizekanzler Franz Müntefering: "Es gibt Menschen, die es schwer haben, die schwächer sind." Er kann die Spaltung der Gesellschaft, die "Schere zwischen Arm und Reich" anprangern oder altmarxistisch Bourgeoisie und Proletariat beschwören.

Wirklich prominent geworden sind im aktuellen Dauergespräch über soziale Verwerfungen drei sehr verschiedene, aber nicht immer streng gegeneinander abgegrenzte Begriffe: "Prekarisierung", "Unterschicht" und "Exklusion". Es ist keineswegs eine bloß akademische Frage, welcher von ihnen am besten taugt, die Welt der Gegenwart zu verstehen.

Oben, unten? Drinnen, draußen!

Nicht nur Parteien und Lobbyisten bedienen sich aus dem Fundus soziologischer Theorien. Die Selbstbeschreibung und das Selbstverständnis der Gesellschaft zehren oft von wissenschaftlichen Begriffen wie "nivellierte Mittelstandsgesellschaft" oder "Risikogesellschaft". Eine normative Idee begleitet diese Prägungen. Das Wort "Unterschicht" mag herabsetzend und verächtlich klingen, bezieht seine Kraft aber aus der Verheißung des Aufstiegs.

Für den Soziologen Heinz Bude ist die Frage nicht, "wer oben und wer unten, sondern wer drinnen und wer draußen ist". In seinem neuen Buch "Die Ausgeschlossenen. Das Ende vom Traum einer gerechten Gesellschaft" (SZ vom 25. April 2008) zieht er die Summe aus mehr als einem Jahrzehnt theoretischer Diskussion und will die Öffentlichkeit für das Konzept der "sozialen Exklusion" gewinnen.

Statt der "feinen Unterschiede" steht darin die grobe Differenz im Mittelpunkt. Auf diese Weise, so Bude, werde man dem Ungleichheitsempfinden der Menschen ebenso gerecht wie dem "neuen Gesicht der Ungleichheit in unserer Gesellschaft".

Das ist nicht unbedingt so. Berthold Vogel, ein Kollege Budes am Hamburger Institut für Sozialforschung behauptet, dass wir "mit den Fragen nach der Exklusion zugleich die Aufmerksamkeit für sozialstrukturelle Zwischentöne, für die Widersprüche und Uneindeutigkeiten" verlieren.

In einem bemerkenswerten Aufsatz kehrt Vogel zum Kernproblem, der kollektiven Erfahrung von Arbeitslosigkeit zurück, entwirft ein anspruchsvolles Programm vernünftiger Arbeitslosigkeitsforschung und bestreitet den Anspruch der Exklusionstheoretiker, auf der Höhe der Zeit zu sein (Biographische Brüche, soziale Ungleichheiten und politische Gestaltung. Bestände und Perspektiven soziologischer Arbeitslosigkeitsforschung. In: Mittelweg 36. Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung. Jg. 17, April/Mai 2008).