"Song to Song" im Kino Sushi im Sonnenlicht

Amouröse und berufliche Gelüste vermischen sich aufs giftigste: Ryan Gosling und Rooney Mara in "Song to Song".

(Foto: Studiocanal)

In "Song to Song" suchen schöne Hollywoodschauspieler Halt bei faltigen Rockstars. Terrence Malick verneigt sich vor der Kraft des Kinos und der Popmusik - und schafft seinen berührendsten Film seit langem.

Von David Steinitz

Eine dekadente Showbiz-Party, auf der die Gäste ernsthaft und von jeder Selbstironie befreit Sushi-Häppchen von einem nackten Model herunteressen, während die Champagner-Kellner herumwuseln, bildet den Anfang dieses Liebesreigens.

Veranstaltet wird die Sause unter texanischer Abendsonne von dem reichen Musikproduzenten Cook (Michael Fassbender), um den sich in dieser Geschichte die Menschen scharen wie die Motten um das Licht. Cook raucht dicke Zigarren, trägt lila Seidenhemden und fährt einen roten Midlife-Crisis-Porsche. Er schafft es aber, all das mit einer solch gnadenlosen Selbstüberzeugung zu tun, dass niemand jemals auf die Idee käme, ihn auszulachen. Cook schaut außerdem den Frauen auf seiner und überhaupt jeder Party mit einem dermaßen dreisten Hypnoseblick ins Gesicht, dass sie bereit sind, ihr Höschen auszuziehen, bevor er nur ein Wort an sie gerichtet hat.

Der Mann ist also alles in allem ein astreiner Menschenfänger und hat in Terrence Malicks zärtlicher Liebesmeditation "Song to Song" vor allem eine Funktion: Er soll das zynische Gegenmodell der liebesbedürftigen Romantiker verkörpern, denen der Regisseur hier ein Denkmal setzt. Denn Helden, auch in der Liebe, brauchen einen anständigen Gegenspieler.

Auf Cooks Party lernen sich die Musikerin Faye (Rooney Mara) und der Songschreiber BV (Ryan Gosling) kennen und verlieben sich, während im Hintergrund in der Dämmerung weiter Nigiri- und Maki-Röllchen verspeist werden, als sei's das letzte Abendmahl. Faye und BV verachten das anwesende Partyvolk, aber beide würden gerne durch den Musikproduzenten Cook und seine Beziehungen berühmt werden. Deshalb hat Faye sich dummerweise auf eine Affäre mit ihm eingelassen. Amouröse und berufliche Gelüste vermischen sich aufs giftigste, was der intrigante Cook bestens auszunutzen weiß. Denn er möchte gerne weiter mit ihr schlafen und mit ihm Geld verdienen, während ihn zur gleichen Zeit eine texanische Coffeeshop-Kellnerin in der attraktiven Gestalt von Natalie Portman gern zur Hochzeit drängen würde.

Patti Smith und Iggy Pop wollen die Hauptdarsteller mit Backstage-Weisheiten trösten

Für Terrence Malick, der das Zeigen dem Erzählen vorzieht, am liebsten in überwältigenden Bilderreigen schwelgt und das Wort Dramaturgie vermutlich für ein exotisches Sushi-Röllchen hält, ist das vergleichsweise viel Vorabendserienhandlung auf einmal.

Aber nachdem er in seinem letzten Spielfilm "Knight of Cups" von den Wirren der amerikanischen Filmindustrie so wirr erzählte, dass eigentlich niemand verstand, dass es um die Wirren der Filmindustrie geht, wollte er für seine Abhandlung über das Musikgeschäft wohl nachbessern. Und tatsächlich ist "Song to Song" der berührendste Malick-Film seit Langem geworden, was aber gar nicht so sehr an der Dreiecksgeschichte liegt, sondern daran, dass Malick auf zwei Stunden noch mal alles verdichtet, was ihn am Kino und an der Musik fasziniert.

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Malick ist ein großer Popmusik-Fan, und "Song to Song" spielt in Austin, Texas, wo es neben dem großen South by Southwest Festival auch ganzjährig eine sehr lebendige Popszene gibt. Die schönen Körper der Hollywoodstars, die sich in seinen Filmen immer im Gegenlicht aneinanderreiben, ohne dass ihre Besitzer jemals die existenzielle Einsamkeit überwinden könnten, die an ihnen nagt, dürfen in dieser Geschichte die großen Faltengesichter der Rockmusik um Rat fragen.

Da die Erzählung auf Promi-Partys, Konzertbühnen und in Backstage-Räumen spielt, haben zahlreiche echte Musiker Gastauftritte, die sich selbst spielen und vom Leben und von der Liebe erzählen. Beziehungstipps von Patti Smith und Iggy Pop (die sich in ihrer würdevollen Faltigkeit mittlerweile übrigens erstaunlich ähnlich sehen) lösen die Probleme der fiktiven Liebenden zwar auch nicht, betonen aber doch sehr schön, dass ja letztlich alle an den gleichen Dingen leiden.

Die meisten Zuschauer mögen Serienformate, die genauso durchgetaktet sind wie ihr Leben

Die Ernsthaftigkeit, mit welcher der mittlerweile 73-jährige Malick von ersten Küssen und Liebeskummer, von Verführungskünsten und Sex erzählt, ist wirklich beeindruckend. Denn er könnte ja auch daheim sitzen, seine Stones-Platten abstauben und alles besser wissen - der Zynismus ist eine Krankheit, die unter alternden Künstlern und Kulturjournalisten nicht ganz selten ist. Aber er begegnet der Zauberkraft der Musik und des Kinos immer noch mit einer Unschuld und Verletzlichkeit, um die man ihn beneiden muss. Sein Inszenierungsstil, in dem er wilde Bilderfolgen von zerknitterten Bettlaken, Sonnenlicht im Haar seiner Hauptdarsteller und Wasserblasen, die im Pool glitzern, aneinandermontiert, ist dabei nur auf den ersten Blick esoterisch. In Wahrheit ist diese Form des Bewusstseinsstroms wohl seine Fluchtmöglichkeit, im Zeitalter des durchgetakteten Serienfernsehens überhaupt noch richtiges Kino zu machen. Die meisten Zuschauer bevorzugen heute Film- und Serienformate, die genauso durchgeplant und in ein dramaturgisches Korsett gezwängt sind wie ihr eigener Alltag.

Malick aber will nicht das Kino und damit seine Sicht aufs Leben durch Dramaturgie beherrschen, sondern sich selbst vom Kino beherrschen lassen - und das trauen sich immer weniger Regisseure.

Song to Song, USA 2017 - Regie, Buch: Terrence Malick. Kamera: Emmanuel Lubezki. Mit: Rooney Mara, Ryan Gosling, Michael Fassbender, Natalie Portman, Cate Blanchett, Holly Hunter, Val Kilmer. Studiocanal, 129 Minuten.

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