Insidergeschäfte
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"Klare Grenzen" also? Hehre Worte von Wirth. Aber wenn chinesische Maler mittlerweile direkt für die Auktionen malen; wenn Sammler immer öfter als Händler auftreten, die auf Versteigerungen mit Wertzuwachs ihrer Schätze spekulieren; wenn Werke direkt aus Museumsausstellungen heraus verkauft werden - so geschehen bei der Paul McCarthy-Schau im Münchner Haus der Kunst 2005 (Wirth ließ seine Sammler im Privatjet dafür einfliegen) und gerüchteweise auch bei der Daniel Richter-Ausstellung in Hamburg durch Richters Galerie Contemporary Fine Arts - , dann ist für diesen Idealismus kein Platz mehr.
Kunst gilt heute mehr oder weniger als Discountware für Insider - der sicherlich brillanteste unter ihnen ist der britische Werber und Sammler Charles Saatchi. Seit 30 Jahren trägt er große Konvolute junger Kunst zusammen, die er mit Hilfe von Auktionshäusern finanziert, um sie rund zehn Jahre später über ebendiese Häuser gewinnbringend zu versteigern. Vorher präsentiert er sie übrigens in Museen wie der Berliner Nationalgalerie oder der Londoner Royal Academy; dabei wird schon fleißig verkauft.
Saatchis jüngster Coup ist das Internetportal "your gallery" nach dem Vorbild von "youtube", ein neues Forum für Massenhandel und Talentscouting. Deutlich anrüchiger sind Glücksritterspiele wie die dubiose Internetplattform "Xalt TV" von Stephen Fern, der Interessenten mit einem Kapital von 100 000 Euro aufwärts Profite von bis zu 40 Prozent innerhalb eines Jahres verspricht. Oder "Art Estate", eine Tochterfirma des Hamburger Unternehmens EECH, das derzeit Anlegern Fondsbeteiligungen an überteuert angekauften Kunstwerken zweitklassiger Qualität anbietet.
Wo bleiben eigentlich die Museen?
Die Sache ist im Grunde wie am Grabbeltisch beim Sommerschlussverkauf: Wer zuerst von der großen Retrospektive eines Künstlers hört, kauft am günstigsten ein. Ist die Werkschau vorbei und der Künstler aus dem Durchlauferhitzer der musealen Nobilitierung wieder ausgestoßen, wird gewinnbringend abgestoßen.
Bald eröffnen zeitgleich mit Pomp museale Großveranstaltungen von Anselm Kiefer in Paris (SZ vom 9. Mai) und von Richard Serra in New York - zwei Künstler der Gagosian Gallery, des mächtigsten Players des Marktes. Natürlich werden jeweils Händler der Galerie präsent sein. Das ist ihr gutes Recht. Bleibt nur die Frage, was passiert, wenn Sammler Leihgaben ins Museum hieven und später wieder abziehen: Am Ende profitiert immer nur einer - der Markt. "Man ist als klassischer Sammler heute", sagt Harald Falckenberg, "so eine Art Lordsiegelbewahrer. Wenn ich ein Bild von Martin Kippenberger für 5000 Mark erworben habe und heute wird einem ein Kippenberger für eine halbe Million angeboten, dann lehnt man dankend ab." Falckenberg hat viele seiner Werke verschiedenen Museen geschenkt.
Crash
Das derzeitige Lieblingswort der Szene: Wann platzt die Blase? Antwort: Vergiss es! Sie wird nicht platzen - wenn es keinen neuen Krieg gibt, was niemand ernstlich hofft. Vom dunklen Horizont einer neuen "Tulipomanie" sind wir jedenfalls - die üblichen Bereinigungseffekte und Schwankungen des Marktes eingerechnet - weit entfernt. In ihrem Buch "Hype! Kunst und Geld" rechnet Piroschka Dossi vor, dass allein in den USA bis zum Jahr 2052 eine Summe von bis zu 136 Billionen Dollar vererbt werden wird. "Billionen", das schreibt sie wirklich. Ein Londoner Galerist, der nicht namentlich genannt werden will, sekundiert: "So lange es Wohlstand gibt, wird der Markt nicht einbrechen. Kunst ist für ein sehr breites Spektrum von Menschen zum Teil ihres Lebens geworden. Sie vertrauen auf Kunst. Kunst ist heute ein major asset."
Außenseiter
Scheinbar ohne Widerstände dehnt sich also der universale Salon der Kunst derzeit aus. Keine Avantgarde in Sicht, nirgendwo? So hoffnungslos ist die Lage noch nicht. Denn während sich der entfesselte Markt mit seinen Rekordsummen immer weiter überschlägt, entscheiden sich immer mehr Künstler, Sammler, Galeristen und andere Insider für wohltemperierte Enthaltsamkeit vom Marktroulette.
Klassische Sammler wie die Münchnerin Ingvild Goetz oder Don und Mira Rubbell aus Miami schichten natürlich immer wieder um, doch investieren sie ihr Geld gleichzeitig kontinuierlich in junge und jüngste Kunst. Galeristen wie den Kölnern Daniel Buchholz und Christopher Müller gelingt es seit vielen Jahren, die Werke ihrer Künstler, darunter Stars wie Wolfgang Tillmans und Isa Genzken, die Deutschland heuer in Venedig vertritt, von Auktionen weitgehend fern zu halten - unter anderem durch eine sehr genaue Prüfung der Käufer, gegebenenfalls auch durch wasserdichte Verträge.
Künftig, so ist zu erwarten, werden sich auch im Bereich der Kunst Parallelmärkte etablieren: An der Spitze ein sehr kleiner, elitär-globaler Markt der Avantgarde des 21. Jahrhunderts, daneben frei flottierende Märkte für Spezialinteressen von Klassikern der Moderne über eigens für Unternehmen produzierte Kunst, die sogenannte "Corporate Art", bis hin zum Interior Design, wo man im engeren Sinne nicht mehr von Kunst reden kann. So wird am Mittwoch in New York auch eine Kommode des Designers Marc Newson versteigert - Schätzpreis bis zu 900 000 Dollar.
Es geht sicherlich nicht darum, Kunst, die nah am Puls des Geldes siedelt, gegen solche auszuspielen, die in anderen Rhythmen tickt. Doch zu viel Zugeständnis an den Zeitgeist führt zu immer austauschbarerer Flachware und zu immer beliebigeren Trophäen für Haus und Garten. Ein florierender Markt, um im Blumenbild zu bleiben, ist letztlich für alle Beteiligten positiv. Aber auf lange Sicht wird er nicht weiterblühen, wenn nicht endlich dieser nervöse Tick verschwindet, das Dollarzeichenflackern der Pupillen, das die klare Sicht so unappetitlich trübt.
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(SZ vom 15.5.2007)
Endgültiger DFB-Kader für EM
Gratuliere Karcher & Liebs zum SZ-Artikel über das hysterische Kunstjahr 2007 und den überhitzten, mächtigen und boomenden Kunstmarkt. Habe viel gelernt: über absurde Preise, irrationale Preissprünge, Spekulanten, Großsammler, Kunst-Anlageberater, Big Players des florierenden Kunst-Markt-Roulette, Primary Market und den preistreibenden Secondary Market, Sammler als Händler, Crash/Blase etc.!
Ergänzend darf ich hinzufügen: Der Macher der Fine Art Fair Frankfurt Michael Neff sagt im WELT-Interview: Wir sollten unsere Messelandschaft stärker strukturieren ( ) Das ganze müsste zentral geführt werden. Auf die Frage von Frau Hoffmans: Wären dann Kunstmessen eine Aufgabe für den Bund, für Kulturstaatsminister Bernd Neumann? antwortete Neff: Für Deutschland brächte eine solche Bündelung der Kräfte einen erheblichen Imagegewinn. Es würden auch mehr internationale Sammler und Gäste nach Deutschland kommen.
Hierzu sage ich nur: NEIN, danke! Eine Schnaps-Idee, das fehlte gerade noch! Der Berliner Fall Marx/Bastian lehrt momentan, wie den Staatlichen Museen die Bedingungen diktiert werden konnten/können. Eine einflussreiche Konnexion Kunst-Kommerz & Staat bedrohte ernsthaft die Kunstfreiheitsgarantie im GG der BRD (Artikel 5 Abs. 3 Satz 1): Statt Verflechtung ist Entflechtung von Staat und Kunst-Kommerz gefragt.
Um Gegenwarts-KUNST zu fördern (nicht Anti- und/oder Nicht-Kunst ist gemeint) bedarf es keines Paktes des Staates mit eigennützigen Sammlern/Händlern (und deren protegierten Stars). Der Staat hat sich vom fragwürdigen Kunst-Markt-Geschmack unabhängig zu halten. Die unverhältnismäßige museumspolitische Macht der Sammler mit Sammlungen ist zu brechen. Unsere Museen (als Unabhängige) sollten nicht länger ein Spiegelbild des Markts mit seinen Preisexplosionen sein. Vorsicht vor Galeristen, Sammlern, Leihgebern und Stiftern - Kultursponsering, das über private Geldgeber-Macht Einfluss und Abhängigkeiten schafft. Erinnert sei an sog. Mäzene wie den Peter Ludwig. Mehr in www.art-and-science.de Link documenta-Demokratisierung.