"Sommer der Gaukler" im Kino Im Zweifelsfall superlustig

Eine Prise Brandner Kaspar und ein Song von Jimi Hendrix: Der "Cultural clash" ist das Markenzeichen von Marcus H. Rosenmüller, der bei diesen Kollisionen schon Einfühlsamkeit bewiesen hat. Doch in "Sommer der Gaukler" geraten die Lustigkeitsbemühungen zur bloßen Kinokasperei.

Von Rainer Gansera

Alles Ironie. Irgendwie. Oder Zitat, Anspielung, Augenzwinkern, und im Zweifelsfall immer superlustig gemeint. Theaterprinzipal Emanuel Schikaneder (Max von Thun) hüpft im Nachthemd über Alpenwiesen und jagt jedem Rockzipfel hinterher.

Aufgebrezelte Exzentrik: Lisa Maria Potthoff als Eleonore und Max von Thun als Emanuel Schikaneder in dem Historienfilm "Sommer der Gaukler" von Marcus H. Rosenmüller.

(Foto: dapd)

Gattin Eleonore (Lisa Maria Potthoff) sinniert: "Er ist gar nicht so verkehrt, mein Schikaneder, grad sitzt er in der kargen Stube und schreibt sein neues, großes Stück Weltentheater!" Sie glaubt ihren Worten selbst nicht und wehrt sich kaum noch gegen die Avancen des Top-Liebhabers der Theatertruppe.

Im Sommer 1780 landet Schikaneders bankrotte "Schau- und Operngesellschaft" in einem bayerischen Bergdorf, und Marcus H. Rosenmüller zäumt seine barock bajuwarisierende Kostümgaudi mächtig auf. Er lässt nach Herzenslust chargieren und alle Puppen tanzen.

Das heißt, er lässt streikende Bergarbeiter einen Rebellions-Blues singen und tanzen wie in einem Südstaaten-Musical. 1780? Ironie! Der Protest gegen den bösen Bergwerksbesitzer inspiriert den nach Musenküssen süchtigen Prinzipal eben zum Weltentheater.

Dann noch drei bemerkenswerte Dinge: ein Bauernbursche, der so ahnungslos in den Streik stolpert wie in die Liebe, eine Kameraakrobatik, die Felsenklippen umkreisend Melodramatik verheißt, und Wolfgang Amadeus Mozart, der sich geriert wie Hauptdarsteller Tom Hulce in Milos Formans "Amadeus". Spätestens hier offenbart sich die aufgebrezelte Exzentrik dieses "Sommers" als Bauerntheater-Hysterie.

Wenn Cancan-Tänzerinnen in rustikal inszenierten Musicals das exzessive Tanzfinale absolvieren, kann man, wenn man genau hinschaut, beobachten, wie das Lächeln in ihren Gesichtern gefriert, wie die wilden Drehungen und Spagate mechanisch ausleiern und aus dem Röckelupfen der letzte Erosfunke entschwindet.

Invasion des Mozart-Librettisten in der bayerischen Provinz

Was sich als überschäumende Vitalitätskundgebung darbieten mag, kippt ins Hysterische. Gerade so funktionieren die Lustigkeitsbemühungen von "Sommer der Gaukler".

Rosenmüller kann auch anders. Bei seiner Coming-of-age-Geschichte "Beste Zeit" und "Beste Gegend" schlug er zarte Akkorde an, und es ist bezeichnend, dass die einzigen mit Einfühlung gezeichneten Figuren im "Sommer" die Frauen sind: Eleonore und Babette (Anna Maria Sturm).

Ansonsten wird an den Revue-Stil von "Wer früher stirbt ist länger tot" angeknüpft. Rosenmüllers Markenzeichen: der Cocktail von Folklore und Pop, eine Prise Brandner Kaspar und ein Song von Jimi Hendrix. Cultural clash der besonderen Art: bei seinem "Sommer in Orange" gab es die Invasion einer Berliner Bhagwan-WG in die bayerische Provinz, jetzt, 200 Jahre früher, die Invasion des Mozart-Librettisten ("Zauberflöte") mit seiner Kompanie.

Robert Hültners Roman, der dem Film zugrunde liegt, unterscheidet mit Sorgfalt die sozialen Sphären und beschreibt, wie die bergdörfliche Alltagsstimmung vom Theaterfieber ergriffen wird. Er will, neun Jahre vor dem Sturm der Bastille, eine Art vorrevolutionäre Situation in Bayern schildern. Bei Rosenmüller wird all dies zur großen Kostüm-Kasperei verquirlt.

SOMMER DER GAUKLER, D 2011 - Regie: Marcus H. Rosenmüller. Buch: Robert Hültner, Klaus Wolfertstetter. Nach Hültners Roman. Kamera: Stefan Biebl. Mit: Max von Thun, Lisa Maria Potthoff, Nicholas Ofczarek, Maxi Schafroth, Anna Maria Sturm, Michael Kranz, Florian Teichtmeister. Movienet, 110 Minuten.