Snowdance Indepent Filmfestival Im Alleingang

Heiner Lauterbach (re.) hält Til Schweiger für einen unabhängigen Filmemacher, auch wenn er nicht zur Independent-Szene gehört.

(Foto: Julian Leitenstorfer/Snowdance)

Til Schweiger diskutiert in Landsberg darüber, ob zu viel Geld die Freiheit eines Filmemachers gefährdet und stuft sich selbst als unabhängig ein

Von Hannah Vogel

Vergangenes Jahr war er bei der Podiumsdiskussion auf dem Snowdance Independent Filmfestival nur Gesprächsthema, nun ist Schauspieler, Regisseur und Produzent Til Schweiger Teil einer Runde im Landsberger Stadttheater. Er ist gekommen, weil ihn mehrere Teilnehmer damals heftig kritisierten und ihm vorwarfen, er sei kein unabhängiger Filmemacher. Während dies Ulrich Höcherl, Chefredakteur von Blickpunkt Film und Moderator des Gesprächs, erläutert, kratzt Til Schweiger sich am Bartansatz und lässt seinen Blick gedankenverloren über die gefüllten Sitzreihen schweifen, als ginge es nicht um ihn. Vielleicht ist er auch gekommen, um ein wenig für seinen neuen Tatort

"Tschiller: Off duty" zu werben, der erste, der seit fast 30 Jahren wieder auf der Kinoleinwand zu sehen ist. Oder er ist einfach deshalb da, weil ihn sein Schauspielkollege Heiner Lauterbach eingeladen hat, der Mitgründer des Snowdance Independent Filmfestivals.

Erst vor drei Jahren fand das erste Festival in Landsberg statt. Mitinitiiert haben es neben Lauterbach Regisseur Tom Bohn und Marketingagent Jürgen Farenholtz. Ihr Ziel ist es, den unabhängigen, staatlich nicht geförderten Film zu unterstützen. Als Vorbild diente ihnen Robert Redfords Sundance Film Festival in Utah in den USA. An drei Tagen zeigt das Snowdance nicht nur zwanzig ambitionierte Filme, sondern bietet auch eine Reihe von Workshops oder ein Speedcasting für Schauspieler an, die auf Produzenten und Regisseure treffen. Und eben die Podiumsdiskussion. Gemeinsam mit Til Schweiger versuchen Sky-Programmchef Marcus Ammon sowie Filmemacher Andreas Arnstedt und Serienmacher Dennis Albrecht, beide zur Independent-Szene gehörig, den Begriff sowie die Branchenprobleme zu erläutern.

"Um sich von Märkten oder Zielgruppen zu lösen, muss man zum Low-Budget", sagt Dennis Albrecht, während die anderen Teilnehmer merklich die Stirn runzeln. Seine Position ist radikal, er selbst idealistisch: Um seine Unabhängigkeit nicht zu verlieren, nimmt er keine Fördermittel an. Mit seiner Internetserie "Filmstadt" verwirklicht er zwar seinen Traum, verdient aber kein Geld. Til Schweiger teilt seinen Idealismus nicht. "In Amerika ist ein Independent-Film nichts anderes als ein Film, der außerhalb des Studiosystems hergestellt wird", sagt er. "Das heißt aber nicht, dass es ein No-Budget-Film ist - es gibt Independent-Filme für 150 Millionen." Über solche Finanzierungsmittel verfügt keiner der drei Filmemacher. Aber immerhin muss Schweiger sich nicht den Existenzängsten stellen, die Arnstedt in schlaflosen Nächten plagen. Der versucht es mit Humor zu nehmen: "Ich freue mich wirklich über jeden Zuschauer", sagt er lächelnd. "Und ich freu' mich, wenn ich nicht jeden Zuschauer persönlich kenne." Das Publikum amüsiert die spitze Bemerkung.

Warum deutsche Filme und Serien so austauschbar geworden seien, will ein Zuhörer wissen. Daran seien mitunter die Redakteure der Sender schuld, wenn auch nicht alle, meint Schweiger. "Redakteure haben zwei Feinde - die Quote und ihre Vorgesetzten. Junge Leute, die sagen: Wir wollen modern sein, wir wollen Kontroversen auslösen, die sind nicht so goutiert."

Seine schlechten Erfahrungen mit Redakteuren hat Arnstedt in seinem Film "Der Kuckuck und der Esel" verarbeitet, mit dem er kein großes Publikum erreichen, sondern seinem Frust verarbeiten wollte. Seine Satire über einen erfolglosen Drehbuchautor, der einen Redakteur entführt, um endlich sein Filmprojekt zu realisieren, lief auch während des Snowdance-Festivals.

Programmchef Ammon versucht das Problem aus Sendersicht zu erklären: "Die Nische ist unser Freund." Deshalb entwickle Sky gerade mehrere eigene Projekte, das sei aber auch immer eine Frage der Ressourcen. Er müsse durch Zahlen beweisen, dass er durch den Einkauf von 20 deutschen Indie-Filmen neue Abonnenten gewinnen könne.

Kritik gab es am Umgang der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender mit dem Rundfunkbeitrag. "Da ist so viel Geld da und das landet eben nicht beim innovativen Film - es gibt Ausnahmen. Aber der Großteil geht in diesen riesen Anstalten für andere Sachen drauf", sagt Til Schweiger. Ammon outet sich hingegen als Freund des öffentlich-rechtlichen Fernsehens und fragt: "Wenn weniger Geld da wäre, wo würden wir dann den Rotstift ansetzen?" Außerdem hatte er die Zeit der Diskussion genutzt, um sich darüber Gedanken zu machen, wie viele Indie-Filmer freiwillig unabhängig sind und wie viele einfach keine besser dotierten Aufträge erhalten. Ohne zu zögern liefert ihm Albrecht eine zynische Schätzung: "99 Prozent würde ich fast sagen."