Smile or Die Gegen die widerliche Optimismus-Industrie

In ihrem großartig gepfeffertem Buch "Smile or Die" zerlegt US-Autorin Barbara Ehrenreich eine gigantische Illusion unserer Zeit: das "positive Denken".

Von Jutta Person

Eine Frau steht vor einem Schaufenster und starrt auf eine Halskette. Im nächsten Moment sieht man die Kette am Hals der Frau, die das Objekt der Begierde mit ihrer Gedankenkraft "angezogen" hat. Das Gesetz der Anziehung besagt, dass der Geist die gewünschte Materie magnetisch ansaugen kann, wenn er stark genug ist. Oder wahlweise: dass Ähnliches mit Ähnlichem korrespondiert, ein Klassiker des magischen Denkens.

Das Ketten-Szenario stammt von der millionenfach verkauften DVD "The Secret" der Denk-dich-reich-Autorin Rhonda Byrne, die predigt, dass uns alle Dinge zufliegen, die wir hartnäckig genug haben wollen. Manchmal macht sie klar, dass das Ganze auch umgekehrt funktioniert: Wer Krebs oder eine Kündigung bekommt, hat sich das Unglück durch negatives Denken selbst an den Hals gewünscht.

"The Secret" mag galoppierende Esoterik sein, und doch, schreibt Barbara Ehrenreich, ist dieser Extremfall symptomatisch für einen Realitätsverlust, der die USA - und nicht nur die - wie ein Virus befallen hat. Das Virus heißt "Positives Denken" und ist längst zu einer allgegenwärtigen Kommerzmaschine geworden, zum Massenwahn, der Konzerne, Motivationstrainer, Fernsehprediger und Psychologen reich macht, während euphorisierte Anhänger früher oder später auf der betonharten Wirklichkeit aufschlagen.

Das klingt nach dem ganz großen Illusionszertrümmerungshammer, und tatsächlich ist Ehrenreichs neues Buch - "Smile or Die. Wie die Ideologie des positiven Denkens die Welt verdummt" - das Gegenteil von Zartrosa.

Wer ein galliges Plädoyer für mehr Pessimismus vermutet, liegt aber falsch. Barbara Ehrenreich ist angriffslustig im besten Sinne des Wortes, es geht ihr nicht um eine Verteidigung der Negativität - aber halt: Sollte man dieses großartig gepfefferte Buch mit einem kleinlichen Hinweis auf die gute Laune der Autorin verteidigen? Viel eher stimmt: Die Anti-Optimistin schert sich nicht darum, ob sie zu grimmig wirkt; die entspannte Zwangsfassade ist vielmehr eins ihrer Angriffsziele. Das ist glänzende Ideologiekritik alter Schule, aber anders als der "Fun ist ein Stahlbad"-Adorno geht es ihr um die konkreten Scharlatane und Schwindler.

Beim positiven Denken ist Glück immer nur Mittel zum Zweck, ein Botenstoff für Erfolg, Leistungsfähigkeit und erhöhte Belastbarkeit, erklärt Ehrenreich. Sie wirbt für einen Realismus, der sich nicht in wolkige Wohlstandsträume flüchtet und das Wort "Opfer" nicht als Tarnkostüm für Feiglinge und Schlappschwänze versteht.

Hier spricht eine ebenso leidenschaftliche wie exakte Kritikerin der New Economy, eine der bekanntesten Journalistinnen der USA, die den "Jeder ist seines Glückes Schmied"-Mythos von seiner Schattenseite her erforscht. Vor ein paar Jahren tauchte sie mit ihrer Undercover-Recherche "Nickel and Dimed" (deutsch: "Arbeit poor") in die Welt der McJobs ein. "Smile or Die" nimmt nun das Glücks-Business auseinander und ist außerdem eine Hommage an eine verkannte Emotion: Wut - ein positives Gefühl (auch wenn Ehrenreich es so nicht sagen würde).

Ehrenreichs Zorn auf das positive Denken begann damit, dass sie an Brustkrebs erkrankte. Sie suchte Hilfe in Brustkrebs-Foren und war zunehmend irritiert von einer kitschigen Rosa-Schleifchen-Welt, in der man Angst und Verzweiflung nicht wirklich äußern durfte; von den Brustkrebs-Verbänden bekamen die Frauen stattdessen Teddybären und Buntstifte fürs Tagebuch.

Lesen Sie weiter auf Seite 2, wie Ehrenreich zur Hochform aufläuft.

Der Louvre des Lachens

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