"Sleep" von Max Richter Achtstündiges Schlaflied

Hat ein monumentales Wiegenlied für eine überdrehte Welt geschaffen: der Komponist Max Richter.

(Foto: Mike Terry)

Der britische Komponist Max Richter hat ein monumentales, musikalisches Werk geschaffen, das als Einschlafhilfe gedacht ist. Was soll das?

Von Harald Eggebrecht

Eine boshafte Anekdote behauptet, dass Johannes Brahms sieben Jahre an seinem berühmten Wiegenlied komponiert habe, weil er dabei am Piano immer wieder einnickte. Brahms war ein großer Schnarcher und ein Apnoiker, das heißt, er hatte während des Schnarchens gefährliche Atemaussetzer. Das trug ihm in späteren Jahren einen Schlaganfall während des Schlafes ein, außerdem litt er tagsüber unter ständiger Müdigkeit. Als freier Geist machte es ihm allerdings nichts aus, im Kaffeehaus einzunicken oder im Theater oder sogar in einem Konzert, das Gustav Mahler dirigierte, vernehmbar zu schnarchen.

Wie oft der britische Komponist bei der Konzipierung seines Opus einschlief, ist nicht überliefert

Ob und wie oft der britische Komponist Max Richter, 1966 in Hameln geboren, bei der Konzipierung seines achtstündigen Opus "Sleep" einschlief, ist bisher nicht überliefert. Dieses Stück sei sein persönliches Wiegenlied für eine überdrehte Welt, was die Ausdehnung angeht gewissermaßen ein Mammut-Wiegenlied. Max Richter, der an der University of Edinburgh und an der Royal Academy of Music in London Komposition und Klavier studierte und in Florenz zu den Schülern des bedeutenden italienischen Komponisten Luciano Berio gehörte, hat sich als Filmkomponist ebenso einen Namen gemacht wie mit seinen Soloalben, auf denen auch Textpassagen und Gedichtlesungen mit Musik verbunden werden, die stark von der neuen Einfachheit eines Arvo Pärt oder derMinimal Music von Phil Glass, Terry Riley und Steve Reich beeinflusst ist.

"Das Stück ist logischerweise sehr leise"

Das neueste Werk "Sleep" von Komponist Max Richter dauert acht Stunden, im Zuschauerraum stehen 500 Feldbetten. Denn es ist zum Einschlafen. mehr ... SZ-Magazin

Hinzu kommen Richters Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit Techno- und Ambient-Musikern der Gruppe Future Sound of London. Richter will in seinen Werken ein Zusammenspiel von Farben, Klängen und Gefühlen vermitteln.

Auf der CD mit einem siebenteiligen Auszug aus "Sleep" (DG) spielen das American Contemporary Music Ensemble (zwei Violinen, Viola, zwei Violoncelli), Max Richter selbst an Piano, Orgel, Synthesiser, und es tritt die Sopranistin Grace Davidson mit Vokalisen hinzu. Im Oktober soll das Ganze im Berliner Kraftwerk uraufgeführt werden, von Mitternacht bis morgens um acht Uhr, fünfhundert Feldbetten stehen dann bereit. Dass man bei dieser konturlos soften Musik einschläft, stört den Komponisten nicht, im Gegenteil, er sieht sein Unternehmen als Experiment, um etwas über die Wirkung seiner Musik auf die Schlafenden zu erfahren.

Bis heute wissen Forscher nicht recht, warum wir überhaupt schlafen

Im Großen und Ganzen sind es leise, sanfte, langsame Tonschritte auf und vor allem ab in die tiefen Bassregionen, deren Varianten sich nur wenig voneinander unterscheiden. Sein Lieblingsvorbild seien Bachs "Goldberg-Variationen", so Richter. Dabei spielt er auf die Anekdote an, Bach habe im Auftrag des russischen Gesandten am sächsischen Hofe, Graf Keyserlingk, diese Variationen geschrieben. Der Graf litt angeblich häufig an Schlaflosigkeit, und daher habe sein Cembalist Goldberg ihm immer vorspielen müssen. Allerdings nicht zum Einschlafen, sondern um ihn "ein wenig aufzuheitern".

Das lässt sich von Max Richters Variationen nun keineswegs behaupten. Zu molluskenhaft, wässerig und ewig wiegend tönt es dahin. Mancher könnte bei so unendlichem Auf-und-ab-Gesäusel schnell in Rage geraten und nach dem Abschaltknopf suchen. Dabei ist Richters Absicht, der Welthektik eine musikalisch langsamere Gangart entgegenzusetzen, lieb gemeint. Kein Wunder, dass er "Sleep", diese wie Meditations- und Wellnessmusik daherklingende Melange, seinen drei Kindern gewidmet hat. Ihr Schlaf habe ihn auch zu diesem Stück inspiriert. Natürlich weiß Richter, dass Länge in der Musik nichts Neues ist, John Cage oder La Monte Young lassen grüßen. Allerdings mit ganz anderer Intention und Idee.

Bis heute wissen Forscher nicht recht, warum wir überhaupt schlafen, es sei eines der größten ungelösten Rätsel, so der amerikanische Biologe Craig Heller. Aristoteles hatte vermutet, dass die Körperwärme die Verdauungsdünste aus dem Bauch in den Kopf treibt. Dort kühlten sie ab, kondensierten und strömten zum Herz, das sich nun auch abkühlt, sodass die Wahrnehmungen behindert und eingestellt werden. Max Richters Musik erinnert von Ferne an eine solche Theorie des Schlafens. Der Komponist schwärmt übrigens davon, wie gut er schlafe.

Nun, angesichts seiner Musik fühlt man sich auch an Immanuel Kants Warnung gemahnt: "Wer dem Schlaf als süßen Genuss im Schlummern mehr als ein Dritteil seiner Lebenszeit einräumt oder ihn sich auch teilweise, nicht in einem Stück für jeden Tag, zumisst, verrechnet sich sehr in Ansehung seines Lebensquantum teils dem Grade, teils der Länge nach."