Skandalroman "Axolotl Roadkill" Helene und die Brotgelehrten

Der Fall Hegemann zeigt: Das Feuilleton schreibt nur noch füreinander, jeder will der Gescheiteste und Arroganteste sein. Der Leser ist den Kritikern egal. Aber er kann sich wehren.

Ein Gastbeitrag von Elke Heidenreich

"Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?" Das war das Thema von Schillers Antrittsvorlesung in Jena, 1789. Was ist und zu welchem Zwecke betreibt man Literaturkritik? Schiller unterschied zwischen dem Brotgelehrten und dem philosophischen Kopf.

Der Brotgelehrte sei unfähig, Geisteszusammenhänge interdisziplinär zu erkennen - und würde er sie erkennen, so würde er sich, ganz "Sklavenseele im Reiche der Freiheit", furchtsam abwenden. Der philosophische Kopf hingegen könne Zusammenhänge erfassen und die Dinge sinnvoll zusammenführen.

Jede Zeitung hat ihre Brotgelehrten, die schreiben in den Feuilletons die Kritiken. Schnell, wenn sie gerade über Oper, Theater, Konzert berichten müssen, mit etwas mehr Zeit, wenn es um ein neues Buch geht.

Außer natürlich, es geht um ein sehr auffälliges Buch oder um das eines Lieblingsautors eines bestimmten Kritikers! Etwa von Michel Houellebecq oder von einer sehr melancholisch aussehenden Dame aus Berlin mit Pelzkrägelchen. Oder von Martin Walser, immer wieder Walser. Oder von einer Siebzehnjährigen, hui, dann wollen alle die Ersten sein und schreiben alles ganz schnell. Das ist dann ein Virus, eine Art Hysterie, denn keiner denkt mehr richtig nach, und alle schreiben sie eigentlich dasselbe. Adjektive gleichen sich, alles ist exorbitant und so noch nie gelesen.

Im Fall Hegemann haben nun fast alle ein wenig geirrt, nur Weidermann in der Sonntags-FAZ und Mangold in der Zeit beharren noch darauf, es sei eben doch ein schönes und wichtiges Buch, und man könne nun nicht ...

Was soll Kritik? Ich finde, sie soll in erster Linie tatsächlich erzählen, um was es in einem Buch geht, damit der geneigte Leser entscheiden kann, ob ihn das, was nun folgt, eigentlich interessiert. Dann soll sie sich kritisch mit dem Text auseinandersetzen, ihn einordnen oder abgrenzen und ein Fazit ziehen. Möglichst ohne selbstverliebte Schnörkel. Das Ganze sollte objektiv sein, was natürlich nicht geht, weil der/die Kritiker(in) ja ein Subjekt ist und Meinungen hat.

Wenn ich mal ein Buch schreibe, wird zum Beispiel recht oft die Person kritisiert, die man aus dem Fernsehen kennt und unter Umständen nicht ausstehen kann - und nicht das Buch, das ist zwar komisch, hat aber mit Literaturkritik nichts zu tun. Aber gut, wurscht.

In meiner Sendung "Lesen!" habe ich sechs Jahre lang nur Buchempfehlungen, also Lesetipps gegeben. Das war keine Literaturkritik und so auch nicht gedacht. Die Kritiker nun dachten, sie hätten etwas Originelles herausgefunden und krähten sechs Jahre lang: "Kritik ist das aber nicht!" Nein, warum auch, ihr Schlaumeier, das macht ja ihr schon, die Brotgelehrten.

Ich sehe mich da eher als wenn schon nicht philosophischen, so doch freien Kopf, der zum Lesen verführt, mit mehr Leidenschaft als Kritik, und auch mit sehr viel mehr Erfolg übrigens, wenn ich das mal eben fröhlich einstreuen darf. Das hat alles prima funktioniert, bis das ZDF die Sendung zugunsten weiterer Koch- oder Comedy-Exzesse leider rausgeschmissen hat.

Auf der nächsten Seite: In Zeiten des Internets wären Feuilletonisten besonders gut zu gebrauchen. Aber sie bleiben lieber: unter sich.

Vom Wunderkind zum Dussel

mehr...