Spektakulärer Einzelfall oder gängige Praxis? Nach dem Kungelei-Skandal um Fernsehfilm-Chefin Heinze stellt sich beim NDR auch die Systemfrage.
Der Begriff "System" bezeichnet eine Ordnung, nach der etwas organisiert, aufgebaut wird. Das Fremdwort geht auf das griechische systema zurück: "Das aus mehreren Teilen zusammengesetzte und gegliederte Ganze".
Doris J. Heinze wurde als Fernsehfilmchefin des NDR suspendiert. (© Foto: dpa)
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Im Zusammenhang mit dem von der SZ aufgedeckten Nepotismus der suspendierten Fernsehfilmchefin des NDR, Doris J. Heinze, sprechen auch Hierarchen des Senders von einem "System". Die Frage ist nur, ob sie das Große und Ganze meinen, oder ob ihr "Systemvergleich" nur bedeuten soll, dass Akteure im Sender, in Produktionsfirmen und im entsprechenden Milieu systematisch vorgegangen sind und wie Spinnen ein Netz gesponnen haben, in dem sich andere verfingen.
Fernsehanstalten sind keine Insel der Seligen
Bei den Flanellmännchen der ARD ist derzeit die These weit verbreitet, die Causa sei zwar, zugegebenermaßen, spektakulär, doch eigentlich handele es sich um einen Einzelfall. Unangenehm, aber ein Problem der Norddeutschen. Es sei kaum möglich, so was zu verhindern. Mancher meint sogar, über das ganze Land sei ohnehin ein Netz gespannt. Es gibt, das haben die großen Bankenskandale gezeigt, tatsächlich keinen wirtschaftlichen Bereich, in dem nicht irgendjemand außerhalb der Regeln den Vorteil sucht. Es gibt keinen Fußbreit Boden im weltumspannenden Reich der Wirtschaft, den man sorglos betreten könnte.
Fernsehanstalten sind keine Inseln der Seligen. Nicht einmal Klöster sind das.
Wer aber behauptet, Anstalten seien nicht in der Lage, ihr Verhalten so zu korrigieren, dass die Verwirklichung von schwersten Regelverletzungen oder von Straftatbeständen zumindest vermieden wird, argumentiert riskant: Denn dann müsste man solche Einrichtungen, darauf hat die Bundesverfassungsrichterin Gertrude Lübbe-Wolff in anderem Zusammenhang hingewiesen, "wie Unzurechnungsfähige behandeln und ihnen die Verfügung über die Schädigungsmöglichkeiten, die sie prinzipiell nicht beherrschen, entziehen".
Die Systemfrage umfasst nicht nur krankes Sendungsbewusstsein, das oft Qualität verhindert, sondern: Kontrollversagen, Kartelle, Korruption, Vetternwirtschaft, Willkür, Nepotismus und lauter Abläufe, die nach dem Mafiaprinzip funktionieren: "Lass mich in Ruhe, dann lass ich dich in Ruhe und von draußen lassen wir schon gar keinen reinschauen".
Kompetente Prüfer fehlen
Die Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland (ARD) ist ein föderaler Wahnwitz mit ganz vielen Kontrolleuren, die über die Einhaltung der Programmgrundsätze wachen sollen, den Intendanten wählen, den Haushalt genehmigen, aber ansonsten nicht kontrollieren. Es gibt zig Koordinatoren, Kommissionen, Unterkommissionen, und bei so viel Gremientuerei geht offenkundig der Durchblick völlig verloren.
Dass bei fast allen Sendern, den NDR eingeschlossen, bislang kein Compliance-System existiert, das die Einhaltung von gesetzlichen Bestimmungen und internen Standards sicherstellen soll, ist mehr als ein Versäumnis. Es ist ein Systemfehler.
Noch immer gibt es in den Anstalten kaum Möglichkeiten, Tippgeber, die auf Unregelmäßigkeiten hinweisen, ausreichend zu schützen. Sogar in Fernsehkrimis kommen mittlerweile Ombudsleute vor, die solche Hinweise sammeln, doch in den Sendern fehlen kompetente Prüfer, und es gibt keine anonymen Hotlines: Fast ein Jahrzehnt lang wurde beim NDR gemauschelt und bezeichnend ist, dass die Mitarbeiter erst jetzt auspacken. Vorher herrschte die Omerta: Wer redet, fliegt. Die Mitarbeiter trauten sich nicht, den Verdacht, den alle hatten, zu melden.
Die Staatsanwaltschaft prüft den Fall, aber eigentlich müsste auch das Kartellamt ran. Der freie Wettbewerb der Freien ist praktisch ausgeschaltet, weil Sendeplatzverteiler vorrangig die Tochterfirmen der Sender bedienen und danach die Produktionsfirmen, die willfährig sind. Wer einen Großauftrag bekommt, ist fortan käuflich oder auch, wie der Fall Heinze-AllMedia zeigt, zu illegalen Handreichungen bereit.
Wer nicht spurt, fliegt
Regisseure, die sich was trauten oder zu frech nachfragten, Produktionsleute, die sich wunderten, wurden eingeschüchtert. Gefordert wird Anpassung um jeden Preis. Wer nicht spurt, fliegt raus. Wer zahlt, bestimmt die Musik. Kungelei, Kumpanei, Schiebereien, Käuflichkeit bestimmen oft das Klima.
In der oft quälenden Qualitätsdiskussion wird gern beklagt, dass andere Erzählweisen im Fernsehen zu wenig vorkommen, dass es an klugen Serien und Filmen fehlt, aber hemmungslose Assimilation kostet Qualität. In Jurys und in den so genannten Wiederholungskommissionen sitzen Sendermitarbeiter, die sich Plätze, Preise und anderes zuschieben.
Wenn eine Anstalt quasi als Monopolist darüber bestimmt, wer was produzieren darf, ist die Korruption, wie Alt-Linke sagen würden, systemimmanent. Korrupt sind alle, die sich auf Kosten des Gebührenzahlers eigene Vorteile verschaffen, bestechlich ist aber auch derjenige, der seine eigene Senderkarriere vorwärts bringt, indem er gegen die eigene Überzeugung die Meinung und die Praktiken derjenigen unterstützt, die die Fäden seiner Karriere in der Hand halten.
Alexander Kluge, der intellektuelle Schattenspieler des deutschen Kinos und der deutschen Literatur, wird achtzig. Jetzt lesen ...
(SZ vom 31.08.2009/tob)
Entspannter Vierbeiner
Hoffentlich hat die SZ noch einige Geschichten in der Hinterhand. Macht Spass zu lesen. Mich wundert das alles nicht zwingend. Die DeGeTo oder die Werbetoechter der ARD-Sender sind doch da auch so aufgestellt.
Und frueher war es nicht besser, sondern nur anders. Die U-Musik-Chefs oder Musikredakteure haben unter Pseudonym Titel geschrieben, die dann die hauseigenen Tanzorchester aufgenommen haben. Diese Orchester waren sowohl Teil der Anstalt als auch privatwirtschaftlich gefuehrte Unternehmen, die Einnahmen generierten. Ich glaube, dass mal da Paul Kuhn dazu befragen koennte. Deshalb hat sich die ARD lieber aus Ihrem "Koffer" bedient, wenn es um die Nachtprogramme ging. Da musste keine Gema gezahlt werden. Und deshalb dauerte es ja auch so lange, bis es Popmusik in der ARD gab. Das war uebrigens fuer den DDR-Rundfunk genau die gleiche Sosse - nur in rot.
Gestern schrieb ich einen Kommentar? Ist dieser zensiert und warum?
Wenn dem NDR z.B. eine GmbH zu 100% besitzt, dann bedarf es tatsächlich keiner Ausschreibung. Es ist dann ein sog. "In-House-Geschäft". Das ist legal.
Die Königsdisziplin in der Auftragsbeschaffung bei Öffentlich-Rechtlichen Sendern der ARD und des ZDF ist folgende:
Der Produzent gehört zu dem Freundeskreis der Redaktion und genießt das Privileg, schon früh in die Bedürfnisse der Redaktion eingeweiht zu werden. Das eröffnet die Möglichkeit von Anfang an gezielt das Angebot auf den momentan angesagten Geschmack und die angesagten Sujets hin zu entwickeln. So reduziert die Produktion das Risiko, das die teuer entwickelte Stoffe einfach so abgelehnt werden . Am besten ist es, wenn man so gut mit der Redaktion kann, dass gemeinsam an Stoffen gearbeitet wird und die Redaktion also von Anfang an in die Arbeit der Stoffentwicklung einbezogen ist. Hat man so eine Vertrauensstellung erreicht dann hat man es geschafft als Producer! Das solche Strukturen ein Geben und Nehmen, Durchstechereien und Korruption begünstigen das liegt auf der Hand.
Man stelle sich mal vor eine Stadtverwaltung würde so mit seinen Auftragnehmern kungeln Skandal! Und die Superaufträge gäbe diese Stadtverwaltung noch an Ihre privatwirtschaftlichen Töchter ohne eine öffentliche Ausschreibung Freunde, die würden alle im Knast landen nur nicht unsere Damen und Herren in den Öffentlich - Rechtlichen Sendeanstalten die dürfen. Und sie spielen sich sogar noch mit MONITOR und PANORAMA zu moralischen Gralshütern in unserer Gesellschaft auf eigentlich sehr witzig das Ganze wenn es nicht so abgrundtief widerlich und bigott wäre ..
Es wird Zeit das "Spinnennetz" endlich aufzuwickeln! Ein Recherche in den Archiven des Bayerischen Rundfunks zu Zeiten von Frau Dr Sperl ist dringend anzuraten. Hier finden sich auffällige Parallelen zum Verhalten von Doris Heinze, angefangen beim gefakten Überarbeitungsauftrag über 15.000.... Auch ohne den Chefsessel geht das Verhalten munter weiter - denn wer steckt wohl hinter Oberon Media Service Film? Die vielen von den ARD Anstalten getäuschten Autoren und Regisseure sind sicher dankbar für eine Aufräumaktion bei allen öffentlichen Sendern, Frau Heinze ist keine Einzeltäterin! Es gibt da noch einige Damen, die jetzt auf ihren Stühlen zittern und das ist gut so... Viel Spaß den Ermittlern bei diesem wirklich spannenden, perfilden Krimistoff.
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