Skandal um Hegemanns Plagiat Der Schattenmann

Wer ist der Blogger, bei dem Helene Hegemann ihre Berghain-Erlebnisse abgeschrieben hat? Ein Besuch bei Airen, während Harald Schmidt die Plagiatorin hofiert.

Von Thorsten Schmitz

Es dauert ein paar Tage, bis Airen sich meldet. Dann landet eine E-Mail im Postfach, in der er einen Treffpunkt vorschlägt. Er will nicht, dass man zu ihm nach Hause kommt nach Berlin-Moabit, denn dann erführe man seinen wahren Namen. Airen will anonym bleiben. Er schwitzt. Er sagt, er fühle sich wie in einem Orkan, es überfordere ihn alles. Sein E-Mail-Postfach sei am Überlaufen, "alle, wirklich alle wollen mit mir reden".

Er will aber am liebsten mit niemandem reden. Airen hat ein Buch geschrieben, das niemand kennt, von dem Helene Hegemann Texte entnommen hat, die inzwischen jeder kennt.

"Wie auf Speed"

Es ist Airen ein Rätsel, dass es Leute gibt, die ins Rampenlicht drängeln. Airen fühlt sich im Schatten wohl. Früher auch in der Dunkelheit des Berghain in Berlin, dem "krassesten Club" der Stadt, wie er findet. Das Berghain ist ein ehemaliges Heizktraftwerk im Osten Berlins, ein Disneyland der Subkultur, in dem man schnellen Sex und Speed bekommen kann und das es im britischen Technomagazin DJ Mag auf Platz eins der weltweit besten Clubs geschafft hat.

Als man Airen dann gegenübersteht, in der Wohnung eines Blogger-Freundes, ist man überrascht, wie schmächtig er aussieht, wie verletzlich er wirkt. Er gibt einem die Hand, sie ist kalt und feucht. Er entschuldigt sich: "Seit Tagen schlafe ich kaum, mein Puls rast, ich bin wie auf Speed." Er ist es nicht, sagt er. Seine Pupillen sind groß. Er könnte jetzt Valium gebrauchen, um runterzukommen. Er raucht und trinkt Weißwein, und alle halbe Stunde muss er die Balkontür aufreißen, um die Kälte hineinzulassen.

Unter Spießern

Bis vergangene Woche war der 28 Jahre alte Airen für kaum jemanden ein Begriff. Er hatte einen Roman geschrieben und besaß einen Blog. Der Roman aus dem SuKuLTuR-Verlag ist Airens Geschichte, "Strobo" heißt er. Das Buch hatte eine Auflage von 300 Exemplaren, inzwischen ist es vergriffen. Es handelt von Airens Leben, wie er es heute nicht mehr lebt. Es spielt viel im Berghain, Airens Wohnzimmer. Er habe sich dort "wie ein Fisch im Wasser" gefühlt. Heute meidet er den kalten Ort. Vor ein paar Monaten war er das letzte Mal dort: "Ich habe mich fremd da gefühlt."

Airen hat Business Administration an der Europa-Universität in Frankfurt an der Oder studiert. Tagsüber war er Praktikant in einer Unternehmensberatung, unter "lauter Spießern", und nachts, an den Wochenenden, hat er sich mit Drogen und Sex mit Frauen und Männern in eine bessere Welt gebeamt. Niemand hat Airens Buch rezensiert, niemand hat ihn in eine Talkshow eingeladen, niemand hat mit dem Debüt-Autoren reden wollen. Nur in der Bloggerwelt war "Strobo" ein Thema.

Sie hat es nicht gelebt

Helene Hegemann hat auch ein Buch geschrieben. Es ist bei Amazon auf Platz 5 und auf der Spiegel-Bestsellerliste auf Platz 2. Airen kannte bis letzten Sonntag Helene Hegemanns Buch gar nicht. Er hatte davon gehört, aber es nicht gekauft. Er sagt, er lese vielleicht ein Buch pro Jahr. Er sei eben ein Blogger und lese Blogs.

Viele Kritiker sehen in Helene Hegemann ein neues Fräuleinwunder und bejubeln ihr Buch und ihren Stil. Hegemann ist zehn Jahre jünger als Airen. Auch in ihrem Buch gibt es viel Sex, Drogen und Endzeitstimmungssprüche. Im Unterschied zu Airen aber hat sie dieses Leben nicht selbst gelebt.

Wenn man "Strobo" liest, spürt man, wie authentisch Airen schreiben kann. Jede Zeile ist echt. Er nimmt einen mit in die Darkrooms des Berghain, man ist überall da, wo er sich gerade eine Line zieht, Sex hat, tanzt, von der Polizei verhaftet wird, Stress mit den Eltern hat. Er kann auch über sich selbst reflektieren oder einfach nur prägnante Sätze hinwerfen wie "Ich lasse meine Blicke lügen".

"Nur Nachteile gebracht"

Airen und Hegemann kennen sich nicht, aber Hegemann kennt Airens Buch. Sie hat es gelesen und viele Textstellen so gut gefunden, dass sie sie in ihr Buch übernommen hat. Allerdings, ohne um Erlaubnis zu bitten. Wenn man sich die Mühe macht, beide Bücher zu vergleichen, entdeckt man Dutzende geklauter Sätze und Passagen. Hegemann verteidigt das Kopieren als Remix-Stil: "Da wird eine jahrhundertealte Debatte auf meinem Rücken ausgetragen. Wenn wir so anfangen, können wir den ganzen Literaturbetrieb gleich dichtmachen."

Das Buch, das Hegemann geschrieben hat, ist trotz (oder vielleicht auch wegen) der Plagiatsgeschichte ein großer Erfolg. Es ist jetzt für den Leipziger Buchpreis nominiert. Airen, der nicht wie Hegemann die geölte Maschinerie eines Großverlags hinter sich hat, sagt: "Mein Buch hat mir eigentlich nur Nachteile gebracht. Keiner hat es besprochen, ich wurde wegen Drogenhandels festgenommen." Auch hat er Stress mit der Familie.

Auf der nächsten Seite: Als der Blogger Schmidt sieht, schlägt er die Hände vor dem Kopf zusammen.

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