Sir Ben Kingsley wird 70 Mit einem Strich

Sir Ben Kingsley auf einem Archivbild aus dem Jahr 2010

(Foto: REUTERS)

Er war Feldherr und Alkoholiker, Killer und Ex-Offizier, und natürlich war er Mahatma Gandhi. Nun feiert Sir Ben Kingsley seinen 70. Geburtstag - und hofft, noch ein bisschen ökonomischer zu werden.

Von Fritz Göttler

Ganz plötzlich hockt er da, wie eine Pop-up-Figur in einem Bilderbuch, im Schlafraum des jungen Ender, als wär er den Träumen des Jungen entstiegen, der sich gerade vorbereitet, im Film "Ender's Game" von Gavin Hood, als Feldherr für die große Schlacht seines Lebens. Und irgendwie ist er das ja auch, Ben Kingsley spielt Mazer Rackham, den mythischen Kriegshelden, der seinerzeit in der ersten galaktischen Schlacht mit einer singulären Aktion alles entschied - und spurlos verschwand.

Mazer Rackham ist halb Maori, er trägt schlingernde farbige Tattoos im Gesicht, durch die er mit seinem Volk verbunden ist, seinen Toten. Kingsley trägt das Tattoo mit naivem, stoischem Stolz - als wäre dieser Rackham ein weiterer Versuch, mit dem Film und der Rolle fertig zuwerden, die ihm vor dreißig Jahren den großen Erfolg - und einen Oscar - bescherten: "Gandhi", Regie Richard Attenborough. Der Film hat ihm ein Charisma beschert, das bis heute immer wieder seine Rollen dickflüssig durchtränkt, zuletzt die des weisen Heilkundigen in der Medicus-Verfilmung.

Mein Name ist Frank und ich bin ein Alkoholiker, stellt sich Kingsley dagegen in "You Kill Me" frisch und frech einer fröhlichen AA-Runde vor. Hi, Frank, ruft die Runde zurück, man kennt das Ritual. Und Frank fährt fort, mit schöner Aufrichtigkeit: Und ich kille Menschen. Ein Auftragskiller, aber das scheint die Runde nicht sehr zu schockieren.

Mit einer wilden Parforce-Jagd durch wirklich alle möglichen Rollen hat Sir Ben Kingsley, geboren als Krishna Pandit Bhanji am 31. Dezember 1943, gegen Gandhi angespielt. Er war Otto Frank im "Tagebuch der Anne Frank", Simon Wiesenthal und Itzhak Stern (in "Schindlers Liste"), ein verkniffener Ex-Offizier der iranischen Armee in "Haus aus Sand und Nebel", der verdruckste Fagin im "Oliver Twist"-Film von Roman Polanski und Georges Méliès in Scorseses "Hugo Cabret", Meyer Lansky und Lenin, und natürlich der wilde Gangster in "Sexy Beast".

In der Obhut der Royal Shakespeare Company

Sexy war, auf seine Weise, natürlich auch Gandhi, und subversiv, mit fast brechtianischer List. Er musste antreten gegen die Briten und ihre grandiosen Manierismen, Sir John Gielgud und James Fox, und hat sie mit ihren eigenen Waffen geschlagen - die ersten zehn Jahre, erinnert sich Kingsley ironisch, habe er in der Obhut der Royal Shakespeare Company verbracht. Er hat wenig gespielt, war vor allem Kontur, die scharfen Gesichtszüge, der messerscharf geschnittene Bart, die nachgezogenen Augen. In dem kleinen Prada-Film "A Therapy", erneut mit Polanski, hat er das ironisch akzentuiert - als Psychiater, der sich vom Gebrabbel seiner Patientin entfernt und ihrem lila Pelz annähert.

Das Abartige, Böse, Verkommene hat ihn nie unter moralischen Aspekten interessiert, auch bei den Schurken schaut man, meint er, besser, was ihre Visionen sind. "Meine Reise als Akteur wird hoffentlich immer ökonomischer," sagt er. "Wie diese wunderbaren japanischen Maler, die ein Bild von einem See und einem Baum und zwei Fischern und einem Vogel mit 32 Pinselstrichen anfangen, und wenn sie 107 sind, dann machen sie es mit einem Strich." Am Silvestertag wird Ben Kingsley erst mal siebzig.