Simulierte Demokratie im Internet Klick, Maus und Shitstorm

Erhobener Zeigefinger: Markus Lanz (links) in seiner Sendung mit den Gästen Sahra Wagenknecht und Hans-Ulrich Jörges.

Die Online-Petition gegen ZDF-Moderator Markus Lanz mag wie ein Beispiel für direkte Demokratie erscheinen, doch sie ist nicht viel mehr als eine Kundenbewertung. Solche Online-Simulationen von Aktion, Gemeinschaft und Willensbildung lenken von wirksamem politischem Engagement ab.

Ein Kommentar von Andrian Kreye

Jetzt gibt es also einen Volksaufstand gegen das ZDF. So scheint es zumindest, weil vorläufig mehr als 170.000 Menschen eine Petition unterzeichnet haben, die den Rauswurf des Moderators Markus Lanz einfordern. Das sind immerhin fast zehn Prozent der Zuschauer, die bei der Sendung zuschauten, welche die nachhaltige Empörung auslösten. Das war eine seiner spätabendlichen Talkshows, bei der er die Oppositionspolitikerin der Linkspartei Sahra Wagenknecht zu Gast hatte.

Man kann darüber streiten, ob Markus Lanz versucht hat, eine unbequeme Meinung mit reaktionärem Geplapper wegzudrängen, oder ob es wirklich eine Unverschämtheit war, dass er Sahra Wagenknecht übers Maul fuhr. Höflichkeit gehört schließlich nicht zur Berufsbeschreibung von Journalisten. Eigentlich gehört es sogar zu den grundlegenden Moderatorenpflichten, dass sie den Redefluss von Politikern stoppen, die stur ihr Parteiprogramm herunterbeten.

Man könnte Markus Lanz sogar vorwerfen, dass sein öffentliches Bedauern am Freitag der eigentliche Fehler war, weil er, ähnlich wie Marietta Slomka beim Interview mit Sigmar Gabriel, doch nur sauberes Handwerk bewiesen hat.

Aber darum geht es längst nicht mehr. Es geht um die Empörung. Und da liegt auch schon das Problem mit der Petition gegen Lanz. Was sich als direkte Demokratie geriert, ist nicht viel mehr als eine Kundenbewertung.

Markus Lanz ist nur Zielscheibe für die steigende Unzufriedenheit eines Fernsehpublikums, das sich nicht damit zufrieden geben will, dass hinter der dürren Ödnis der öffentlich-rechtlichen Medienrandgebiete ja die Schlaraffenländer der Internetplattformen, Kabel- und Privatsender liegen. Weil sie sich als Konsumenten um ihre freie Wahl betrogen sehen, mit Geld und Aufmerksamkeit nur dafür zu bezahlen, was ihnen wirklich gefällt.

Reduktion auf ein Minimum an Mausklicks

Das öffentlich-rechtliche Fernsehen wird eben mit Pflichtgebühren finanziert, wie man sie auch für Müllabfuhr und Trinkwasser bezahlt. Weil die Programme von ARD und ZDF aber für eine steigende Mehrheit von Zuschauern verzichtbar geworden ist, geht die Idee von der Grundversorgung nicht mehr auf.

So gesehen gehört ein tendenziöser Moderator auch eher in die privatwirtschaftlichen Medien, die keinen Auftrag haben, sondern ein Geschäftsmodell, das oft auch eine politische Ausrichtung für eine bestimmte Zielgruppe bedeutet. Doch ist so eine Petition im Internet deswegen politischer Widerstand?

Initiatorin der Petition ist die Betriebswirtin Maren Müller, eine ehemalige Linkspartei-Genossin von Sahra Wagenknecht. Nach der Sendung, sagte sie Kollegen von Spiegel Online, sei sie so aufgebracht gewesen, dass sie nicht schlafen konnte. "Also habe ich meinen Rechner hochgefahren und die Petition da reingehackt. Ich wusste nicht, wie ich diesen Frust anders hätte abbauen können."

Das Aufsetzen so einer Petition dauert auf der Webseite openpetition.de nicht lange. Die Benutzerführung ist leicht verständlich und stringent. Zwei der drei Initiatoren arbeiten hauptberuflich bei einer Preisvergleichswebseite, wissen also, wie man komplexe Vorgänge auf ein Minimum an Mausklicks reduziert.