Mafia-Bücher wie Savianos Gomorrha seien maßlos übertrieben und schuld am schlechten Ruf Italiens, findet Silvio Berlusconi - und ruft die heimischen Literaten zum Schweigen auf.
Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi sieht sich gerne an der Spitze einer Regierung, die handelt. "Un governo del fare" heißt das Schlagwort, das in keiner seiner Reden und Pressekonferenzen fehlen darf. Zur tatkräftigen Bilanz dieser Regierung gehöre es auch, dass sie wie noch keine andere vor ihr das organisierte Verbrechen bekämpft habe.
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Mafia-Bücher seien schlecht für Italien - und damit auch für ihn selbst, so der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi, hier bei einer Pressekonferenz in Rom. (© Foto: AP)
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Noch niemals in der Geschichte Italiens seien so viele Mafia-Bosse verhaftet, so viele Güter aus Mafia-Besitz beschlagnahmt worden wie in den vergangenen zwei Jahren. Da mögen die ewigen Nörgler der Opposition darauf hinweisen, dass das vor allem Erfolge der Polizei und der Staatsanwaltschaften seien. Aber Staat, Nation, und eine Regierung, die in ihrem beim Volk so beliebten Ministerpräsidenten ihren höchsten Ausdruck findet, sind im Selbstverständnis des Ministerpräsidenten längst eine Einheit geworden. Und so fällt es Berlusconi auch nicht schwer, jede persönliche Kritik an ihm als Kritik an Italien zurückzuweisen.
Negativwerbung für Berlusconi
Italien wird in der internationalen Wahrnehmung nicht erst seit heute mit Mafia in Verbindung gebracht. Dabei, so Berlusconi, liege die italienische Mafia international nur auf dem sechsten Rang, hinter den chinesischen, japanischen, lateinamerikanischen und anderen Organisationen. Doch wegen der publizistischen Unterstützung im eigenen Land seien die italienischen Mafiagruppen die bekanntesten der ganzen Welt. Der Regierungschef spielte in seiner Medienschelte auf TV-Serien des Staatsfernsehens RAI wie die Piovra an, aber er meinte vor allem Bücher: "die Literatur, Gomorrha und den ganzen Rest". Sie würden der Mafia eine Bedeutung geben, die diese gar nicht habe. Das sei "Negativwerbung für Italien" - und damit auch für Berlusconi.
Roberto Saviano, der Autor des Weltbestsellers Gomorrha (auf Deutsch bei Hanser), der von der neapolitanischen Mafia mit Mord bedroht wird und deswegen seit Oktober 2006 unter Polizeischutz an wechselnden unbekannten Orten lebt, nannte den Aufruf zum Schweigen in einem Beitrag für die römische Tageszeitung la Repubblica "absurd". Die vier großen Mafiaorganisationen des Landes (neben der Camorra die kalabrische 'Ndrangheta, die sizilianische Cosa Nostra und die apulische Sacra Corona Unita) könnten mit einem Geschäftsvolumen von 100 Milliarden Euro im Jahr rechnen, von dem jedes andere italienische Wirtschaftsunternehmen weit entfernt sei - "und das darf man nicht mehr sagen?" Es sei gerade das Schweigen, so Saviano, das die Mafia stark mache.
Antikörper der Gesellschaft
Unterstützung bekam Roberto Saviano von Autoren aus aller Welt. David Grossmann nannte Berlusconi nach diesen "unverantwortlichen" Äußerungen "ein Unglück für Italien". Salman Rushdie kommentierte, dass der Regierungschef so ungewollt Saviano als Angriffsziel präsentiere. Und Nathan Englander meinte, wenn Schriftsteller so angegriffen werden wie in Italien, und Literatur dort gleichsam als subversiv gelte, dann würde diesem Land "etwas Krankhaftes" innewohnen.
Die Rolle, die die Kritik in der politischen Kultur eines Landes spielt und welche Kanäle ihr offenstehen, sind vielleicht keine Krankheitssymptome aber doch Anzeichen für eine demokratische Grundstimmung. Es sind vor allem Bücher, die in Italien immer deutlicher zum Medium der ernsthaften gesellschaftlichen Auseinandersetzung werden. Aktuell reicht das von Marco Travaglios Analyse der auf die privaten Bedürfnisse des Ministerpräsidenten zugeschnittenen Gesetzgebung (Ad personam) bis zu Ariveder le stelle von Beppe Grillo, in dem der Polit-Komiker in einer modernen Form des Anarchismus über ein neues Parteiensystem nachdenkt. Und natürlich die Arbeiten von Roberto Saviano.
Keine Meinungsäußerung, ein Urteil
Die sind allerdings bei Mondadori und bei Einaudi erschienen. Marktführer Mondadori und der zur Gruppe gehörende Turiner Einaudi Editore sind jedoch nicht irgendwelche Verlage, sondern Bausteine des Medienimperiums des gegenwärtigen Regierungschefs und unterliegen der Kontrolle seiner energischen Tochter Marina Berlusconi. Sicherlich sind das zugleich traditionelle Häuser, deren lange Geschichte bis heute das durchaus demokratisch-liberale Binnenklima ihrer Redaktionen prägt. Roberto Saviano denkt jetzt aber laut darüber nach, ob nicht der Zeitpunkt gekommen sei, zu wechseln. Marina Berlusconi versuchte daraufhin, in einem Brief an die Repubblica ihren Vater zu verteidigen, der habe doch bloß "seine Meinung" gesagt. So wie umgekehrt alle Mondadori-Autoren frei denken und schreiben dürften. Saviano antwortete, das sei keine Meinungsäußerung gewesen, sondern ein Urteil.
Zwei Welten prallen hier aufeinander. Das Italien, das gleichsam aus dem Bauch heraus lebt und dem dieses ganze Mafiagerede unangenehm ist. Und das andere Italien, das der Legalität verpflichtet ist und das organisierte Verbrechen als Unterwanderung der demokratischen Tradition versteht. Der Romancier Sebastiano Vassalli nennt Roberto Saviano in einem Interview eine Art "Antikörper", den dieses andere Italien hervorgebracht habe. Wenn Literatur jetzt sogar dem Premierminister Bauchschmerzen bereite, dann habe sie eine Rolle übernommen, die man ihr eigentlich gar nicht mehr zutrauen konnte.
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(SZ vom 20.04.2010/nvm)
Bundespräsident Gauck in Israel
Liebe Redaktion, hier ...
"... "Un governo del fare" heißt das Schlagwort, das in keiner seiner Reden und Pressekonferenzen fehlen darf. Zur tatkräftigen Bilanz dieser Regierung gehöre es auch, dass sie wie noch keine andere vor ihr das organisierte Verbrechen bekämpft habe. ..."
...habt ihr einen kleinen Fehler eingeschlichen, denn es hätte natürlich selbstverständlich heissen sollen ...
"... tatkräftigen Bilanz dieser Regierung gehöre es auch, dass sie wie noch keine andere vor ihr das organisierte Verbrechen durch die Gesetzgebung legalisiert habe ..."
wäre auch kein schlechter Titel gewesen.
...kann man ruhigen Gewissens als Diktatoren bezeichnen.
Nur mit dem Unterschied, dass Mussolini die Mafia verfolgen lies, während Berlusconi sich optisch als deren Schutzpatron aufspielt.
...aber wenn's den Italienern so gefällt...???
... denn sonst würde sie wahrscheinlich meinen Leserbrief zu Berlsuconi und seiner Mitgliedschaft in der P2 (Propaganda Due) und die damit einhergehende Nähe zu Personen wie Licio Gelli & Co. veröffentlichen.
Wer sich für das Thema interessiert sollte einfach mal Recherchen über Propaganda Due, Licio Gelli, Berlusconi & Co. anstellen. Ist sehr aufschlussreich. Wer nicht recherchieren möchte, der kann sich auch das Buch "Nato Geheimarmeen in Europa" von Daniele Ganser durchlesen. Ebenfalls sehr aufschlussreich.
Meiner Meinung nach ist die Nähe Berlusconis zur italienischen Mafia und zu anderen fragwürdigen Netzwerken im Land gegeben. Folglich stört er sich wohl an zu viel Information über die Verhältnisse.
Allerdings sollte er nicht seine Unzulänglichkeiten auf andere Menschen übertragen - denn die Mehrzahl der Menschen ist sicher in der Lage zwischen korrupten Politikern, kriminellen Mafiosi und den italienischen Bürgern zu unterscheiden.
Die Mafia ist ein widerwärtiger Bestandteil der italienischen Kultur, der so lange überleben wird, wie es korrupte Politiker gibt und nach dem Grundsatz "Pecunia non olet" vorgegangen wird.
Welch' ein wahhaftiger Demokrat. Vielleicht gibt es ja bald in Italien ein Index, in dem Bücher aufgeführt werden, die nicht gelesen werden dürfen!
Paging