Neurosen und ganz andere Chosen: Irgendwas blüht einem ja immer, wenn man sich auf Freuds Psychoanalyse einlässt. Zu dessen 150. Geburtstag lohnt es sich, über seine lange verpönte Sexual-Theorie noch einmal nachzudenken.
"In jedem braven Bürger", so resümiert der Spiegel seine zahlreichen Reflexionen zu Freuds Thesen anlässlich des 150. Geburtstages des Begründers der Psychoanalyse, "in jedem braven Bürger schlummert also die Perversion."
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Viel Spaß an dem Freud! (© )
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Interessant an diesem Fazit sind nun weder die Perversion noch die Bürger interessant, sondern die Wörtchen "brav" und "also".
Würde man "also" den Spiegel auf die Freudcouch legen und ihn analysieren, dann träte gewissermaßen schon in diesen beiden Wörtern ein Psychogramm zutage. Das Psychogramm einer Haltung, die beiläufige Enthüllung und eine Prise Häme vor denjenigen ausbreitet, die im berühmten Spiegelleser-Paradox als notorisch zurückgeblieben dargestellt werden und doch zugleich als eigene Klientel gelten müssen.
Denn "brave" Bürger, seien wir ehrlich, sind eben genau diejenigen, die Spiegelleser sind, aber eben nicht Ojekte der Spiegel-Analyse sein wollen (, obwohl nur sie gemeint sind).
Wenn denn nun - ganz im Sinne Freuds - folglich alle gemeint sind, was bedeutet dann das Wort "also" im Bezug auf eine dann alle betreffende Perversionsanlage, die Freud den Braven mutmaßlich unterstellt haben soll. Offen gestanden, sie bedeutet nichts.
Denn Freud hantiert nicht mit Perversionen, das sind für ihn nur Symptome, sondern er entdeckt Deformationen, die er - und das ist für seine Zeit Atem raubend und Aufruhr erregend - sexuell fundiert sieht.
Der Mensch, sei er nun braver Bürger oder Perverser oder Spiegelleser oder Freud selber - sei nicht frei in seiner Sexualität, und im Erleben von Sex schon mal gar nicht.
Weil Freud nun aber den Menschen von Kind an als sexuelles, Trieb durchquertes Wesen begreift und die Entwicklung seiner gesamten Persönlichkeit eng an diese Urmacht bindet, darum schafft sexuelle Unfreiheit deformierte Persönlichkeiten.
Tatsächlich setzt Freud den Trieb - je nach Blickwinkel - extrem hoch oder extrem tief an. Im Menschen wirken Kräfte, die er nicht besitzt, die ihn übersteigen, die ihn bewegen und sein Vermögen, sie bloß rational kontrollieren, besser: bändigen zu wollen, heillos scheitern lassen.
Darum ist der berühmte Freud-Satz: "Wo Es war, soll Ich werden." ein Satz, der die Persönlichkeit, das "Ich", gewissermaßen als Bildungsauftrag an jeden Menschen versteht. Ein Auftrag, der ihm von der Natur, im weitesten Sinne vom "Es". aufgegeben wurde.
Die Psychoanalyse, Freuds Analyse, ist darum keinesfalls Ausdruck einer Forscher-Neugier, die in Triebsümpfen wühlen und sie austrocknen möchte - schon deshalb nicht, weil diese Triebsümpfe als Selbstverständlichkeit vorausgesetzt und nicht moralisch bewertet werden.
Die Psychoanalyse ist eher wie ein Geburtshelfer und früher Wegbegleiter dieses authentischen Ichs zu begreifen, das sich in der Erkenntnis seines Wesens von allen Fremddefinitionen seines Seins zu lösen und zu emanzipieren vermag - und seien sie das Attestat, "brav" zu sein.
Wenn man also ernsthaft über Freud nachdenkt, denkt man über sich selber nach - koste ES, was ES wolle.
Wir haben hier noch weitere Texte zum Großthema Freud beigefügt, die den "Übervater" einmal in Werk und Wirken enzyklopädisch betrachten - und sich zum anderen mit seiner berühmten Traumdeutung auseinandersetzen.
Viel Spaß an dem Freud!
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