Gus Van Sant ist ein einsamer Gewinner der Goldenen Palme in Cannes. Da trifft es sich gut, dass seine Filme auch von Einsamkeit und Leere handeln.
(SZ v. 27.05.2003) - Nun sagen Sie schon, kommt immer wieder die Frage aus dem Publikum, am Ende von Vorführungen des Films "My Own Private Idaho", "nun sagen Sie mal, wenn am Ende der junge River Phoenix weggetreten am Rand des Highways liegt, und dieser Wagen neben ihm hält - wer ist das also, der ihn da aufliest ..."
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Das Publikum will es immer ganz genau wissen. Gus Van Sant liebt es, die Dinge in der Schwebe zu lassen - das ist eine Diskrepanz, die manchmal produktiv ist, in vielen Fällen sehr lästig werden kann. Auch in seinem neuen Film, "Elephant", für den er eben auf dem Filmfestival in Cannes die Goldene Palme erhalten hat, bleiben eine Menge Fragen offen - einen Tag lang wird man ein wenig ziellos durch die Banalität einer amerikanischen Highschool geführt, bis zwei der Kids plötzlich das Feuer auf Mitschüler und Lehrer eröffnen.
Gus Van Sant, der voriges Jahr fünfzig wurde, ist der Filmemacher der amerikanischen Jugend, ihrer Einsamkeit und ihrer Ratlosigkeit. Und der Hilflosigkeit der Erwachsenen, der Eltern und Erzieher, ihnen aus dieser Ratlosigkeit zu helfen, ihnen Ziele und Orientierung zu geben, ihnen Hoffnung zu vermitteln in die Zukunft Amerikas. Was am Ende bleibt in "My Own Private Idaho", ist eine weite Ebene und ein grenzenloser Himmel, der fallsüchtig macht.
Geboren und aufgewachsen ist Gus Van Sant in Louisville, Kentucky, studiert und wesentliche Erfahrungen gemacht hat er in Los Angeles und New York, in der Welt der Kunst, des Designs, des unabhängigen Films. Anfang der Siebziger verzog er sich nach Europa - das Kino dort hat ihn stark geprägt, von Bergman bis Antonioni. "Drugstore Cowboy" machte ihn 1989 schließlich berühmt - ein paar Junkies, die sich mit Überfällen ihre tägliche Dosis besorgen. Danach kam "My Own Private Idaho", die wunderbare traurige Geschichte der Straßenjungen Keanu Reeves und River Phoenix, die in einem zugigen Rohbau hausen und über die der Geist von Shakespeares Falstaff zu wachen scheint. Zum Schluss dieser juvenilen Trilogie erschien "Good Will Hunting", eine frische Eloge auf die jugendliche Genialität, die Ben Affleck und Matt Damon einen Oscar einbrachte - nicht als Darsteller, sondern für das Drehbuch, das sie sich auf den Leib geschrieben hatten.
"Ein Drehbuch", sagt Gus Van Sant, "das ist wie eine Straßenkarte. Und wenn man an einem Film arbeitet, dann darf man nicht an die Orte gehen, bevor man wirklich dort zu drehen beginnt." Die Fremdheit der amerikanischen Landschaft, die Einsamkeit der Menschen - Gus Van Sant hat sie zu mildern versucht durch die gemeinsame Arbeit.
Aber River Phoenix ist 1993 gestorben, Keanu Reeves ist in die Höhen des Matrix-Ruhms entrückt - ob die beiden sich wiedergesehen haben in Cannes? -, und Ben Affleck und Matt Damon basteln an Millionen-Karrieren. Gus Van Sant ist zurückgeblieben, hat eigenartige Filme gemacht, ein Remake von Hitchcocks "Psycho", dann "Gerry", über zwei Kids, die sich in der Wüste verirren, nun "Elephant". Wer also, das ist die Frage, wird kommen und Gus Van Sant mitnehmen.
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