Shirley MacLaine wird 80 Schnipp-schnapp

Shirley MacLaine beim Palm Springs International Film Festival 2006.

(Foto: REUTERS)

Shirley MacLaine begann als das smartestes Mädchen des Filmregisseurs Billy Wilder, kaum eine andere konnte den Männern so die Stirn bieten wie sie. Den Jungs einzuheizen ließ sie sich auch später nicht nehmen - mal liebevoll, mal mit der Heckenschere. Nun wird die Schauspielerin 80 Jahre alt.

Von David Steinitz

Paris, Rue Casanova, Hotel Casanova, ein Stundenzimmer. Wie konnte ein so hübsches Mädchen nur hier landen, fragt der Freier neugierig, während er sich vor dem Spiegel die Krawatte zurechtrückt. Nun ja, antwortet das Mädchen vom Bett - eine dramatische Geschichte. Es schlägt resolut die Beine mit den grünen Strumpfhosen übereinander und klimpert melodramatisch mit den langen Wimpern. "Eigentlich habe ich am Konservatorium studiert. Doch dann knallte mir die Klappe des Flügels auf die Finger, und vorbei war es mit der Musik . . . ". Betreten zieht der Freier ein paar Extrascheine aus der Tasche.

Für die Rolle der "Irma la Douce" (1963), die für jeden Kunden eine schräge Leidensgeschichte parat hat, war ursprünglich gar nicht Shirley MacLaine vorgesehen, Billy Wilder dachte an Marilyn Monroe. Die aber starb, und MacLaine war natürlich die bessere Besetzung - weil sie unter all den neurotischen Wilder-Mädchen stets das smarteste war. Eines, das schnell lernte, wie man die Männer allein mit einem Lächeln, mal kokett, mal eisig, auf die richtige Größe zurechtstutzt. In diesem Fall Jack Lemmon als irren Pariser Flic.

Mit Lemmon und Wilder hatte MacLaine 1960 bereits "Das Apartment" gemacht, jenen Film, der wie kein anderer Wilders Balancekunst zwischen Komödie und Drama zeigt, zwischen Liebeslust und Großstadtblues - gerade wegen ihr. Als Liftgirl verliebt sie sich unglücklich in den Firmenchef. Und wenn es jemals jemand geschafft hat, im Kino einen Selbstmordversuch zu genau gleichen Teilen tragisch und komisch aussehen zu lassen, dann sie, die beides in einen einzigen melancholischen Gesichtsausdruck packen konnte - der dann nicht nur nicht zur Grimasse verkam, sondern auch noch sehr verliebenswert aussah.

Dass der wahre Slapstick nur mit vollem Körpereinsatz zu haben ist, lernte MacLaine schon als Kind. Geboren wurde sie am 24. April 1934 in Richmond, Virginia, der Vater Direktor einer High School, die Mutter eine Schauspiellehrerin. Die Eltern benannten sie nach ihrem Lieblings-Leinwandlockenkopf: Shirley Temple. Und meldeten ihre Shirley zum Ballett an, wo sie beim ersten Auftritt über den Vorhang stolperte - der erste Schreck wich schnell der Begeisterung über ihren ersten Publikumslacher.

Kaum ein Star bot den Männern die Stirn wie McLaine

Anfang der Fünfziger, direkt nach der High School, zog es sie erst nach New York, an den Broadway, dann bald auf die andere Seite des Landes, Westküste, Hollywood. Ihr Kinodebüt hatte sie 1955 in Alfred Hitchcocks "Trouble with Harry", wo sie, vor Wilder, zum ersten Mal mit der produktiven Symbiose aus europäischem Zynismus und amerikanischem Slapstick experimentierte.

Kaum ein anderer Star konnte in diesen letzten großen Jahren des alten Hollywood den Männern so die Stirn bieten wie sie. Hier war nicht das Mädchen der Sidekick, sondern die Jungs. Sogar das Rat Pack hatte sie im Griff, mit dem sie in verschiedenen Konstellationen mehrmals drehte, zum Beispiel 1958 "Some Came Running" mit Dean Martin und Frank Sinatra - ihre erste Oscar-Nominierung. Gewonnen hat sie den Preis aber erst vier Nominierungen später, 1983, für ihre Rolle als soziopathische Übermutter in James L. Brooks "Zeit der Zärtlichkeit".

Zu diesem Zeitpunkt hatte sie schon angefangen, sich das Esoterik-Imperium aufzubauen, das sie bis heute betreibt, mit Büchern, CDs, Vorträgen. Den Jungs einzuheizen lässt sie sich aber weiterhin nicht nehmen, mal liebevoll, mal superfies. Zuletzt zum Beispiel als Ben Stillers Mutter in "Walter Mitty" oder als gealtertes Kleinstadtluder in "Bernie", wo sie Jack Black die Hölle heißmacht. All dies Variationen der Rolle, die sie in "Zeit der Zärtlichkeit" entwickelt hatte. "Irascible bitch" nennt sie diese Kernrolle selbst, ein jähzorniges Miststück - aber immer liebenswert.

Ein Paradebeispiel war "Zeit der Zärtlichkeit" auch für ihren lässigen Umgang mit den großen Kinomachos, gerade den notorischen Fällen. Als der Gärtner die Witwe fragt, ob sie nicht noch gewisse biologische Bedürfnisse verspüre, lässt sie sich zu keiner Erwiderung herab, sondern hebt nur kurz die Heckenschere und macht schnipp-schnapp. Auch dem Oberstenz Jack Nicholson geht es in diesem Film an den Kragen, der im richtigen Leben wiederum ein Partykumpel von MacLaines kleinem Bruder Warren Beatty war. Aber wie das mit kleinen Brüdern und ihren halbstarken Kumpels so ist: Die große Schwester, die nun achtzig Jahre alt wird, hat die Sache stets im Griff.