Sexualanklagen und Geschlechterdiskurs Keine analoge Gegenmacht

Sie muss aus der Rolle des Opfers wechseln in die höchst anspruchsvolle Rolle der authentischen Darstellerin des Opfers, mit deren Worten alles steht und fällt. Dabei ist eine Lückenlosigkeit und Konsistenz verlangt, die oft weder die Erinnerung noch selbst das sexuelle Geschehen hergeben. Demgegenüber braucht der Täter nur in die Rolle des destruktiven, wenn nicht diffamierenden Bestreitens zu wechseln.

Allerdings drohen dem Angeklagten natürlich Urteil und Strafe. Nicht nur das, meist ist schon vorher, allein durch den Vorwurf der Vergewaltigung, sein Ruf ruiniert, seine Ehe am Abgrund, sein Arbeitsplatz verloren. Der demütigenden Schwäche der vergewaltigten Frau, den Beweis zu liefern, steht die mörderische Vernichtungsmacht der Anschuldigung und damit auch der falschen Anschuldigung gegenüber. Dem kann der zu Unrecht Beschuldigte keine analoge Gegenmacht entgegensetzen, selbst der Freispruch rehabilitiert ihn nicht mehr; um Kachelmanns und Strauss-Kahns Ruf ist es auf absehbare Zeit geschehen.

Weil aber alle diese krassen prozessualen Ungleichgewichte die allgemeinen Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern teils widerspiegeln, teils auf den Kopf stellen, provozieren sie eine exzessive Streitbeteiligung der Öffentlichkeit. In der Tat, die Feministinnen haben ja im entscheidenden Punkt recht: Es ist nicht der erbeutete Sex als solcher, der Vergewaltigungen verwerflich macht, sondern der Machtmissbrauch bei diesem Akt. Umso empfindlicher und gereizter reagiert der Geschlechterdiskurs auf die Machtasymmetrien zwischen Täter und Opfer im Strafprozess.

Und dieser Anschluss des allgemeinen Diskurses an die Machtgefälle im Prozessdrama birgt zugleich die größte Fehlerquelle. Wie sonst nur bei wenigen Delikten mit ähnlichem Ressentimentpotential (etwa bei Gewalttaten von Immigranten) nimmt hier das Publikum die behauptete Vergewaltigung nicht als Einzelfall, sondern als Symptom wahr, als Symptom der sozialen Machtkämpfe zwischen den Geschlechtern.

Plötzlich steht der Angeklagte für alle "Prominenten" oder "Mächtigen", die ihre Privilegien missbrauchen, um sich "abhängige" oder "arme" Frauen sexuell gefügig zu machen. Oder aber die Belastungszeugin steht für alle "betrogenen" oder "geldgierigen" Frauen, die sich mit falschen Anzeigen an wehrlosen Männern rächen oder sie ausnehmen.

Ausdruck allgegenwärtiger männlicher Sexualnötigungen

Mag die eine oder andere Generalisierung soziologisch plausibel sein, für das strafrechtliche Denken, das allein der Aufklärung des isolierten Einzelfalls verpflichtet ist, führt sie zum fatalen Trugschluss. Vor allem bei Prozessen gegen männliche Angeklagte, um die es ja meistens geht, begehen ihn alle Feministinnen, die die vorgeworfene Tat als Ausdruck allgegenwärtiger männlicher Sexualnötigungen betrachten.

Indem sie das Urteil über den Angeklagten fällen, als gelte es, an ihm den verbreiteten männlichen Machtmissbrauch insgesamt zu verurteilen, machen sie den Unterschied zwischen bloßem Verdacht und nachgewiesener Tat obsolet. Würde sich das Gericht ihren Schluss vom allgemeinen Missstand auf den Einzelfall zu eigen machen, öffnete es das Tor zum Justizirrtum. Umgekehrt erzürnt es das feministische Engagement am heftigsten, wenn der Mann freigesprochen wird, zumal wenn es in dubio pro reo ausgeht. Der Freispruch ist der Schlag ins Gesicht der auf dem Fehlschluss beruhenden Vorverurteilung.

Kläglicher Untergang der Unschuldsvermutung

Wie hemmungslos der falsche Schluss gezogen wird, hat die internationale Kommentierung der DSK-Affäre noch bestürzender gezeigt als die hiesige bei Kachelmann. Exemplarisch die sonst ob ihrer Klugheit berühmte Kolumnistin der New York Times, Maureen Dowd, die kurz nach der Festnahme von DSK schrieb, das Zimmermädchen habe nun in New York den gleichen "Horror erlebt" wie in der guineischen Heimat, wo sie vergewaltigenden Horden ausgesetzt gewesen sei. Der Damm der strafrechtlichen Vorsicht brach schon in den ersten Stunden, kläglich ging die Unschuldsvermutung in der Flut der DSK-Schmähungen unter. In diesem Fall repräsentierte der Beschuldigte alle Mächtigen, deren "perverse und anmaßende Sexualität" sich wieder einmal offenbart habe.

Außerdem ist er Franzose, was für viele Amerikaner habituelle sexuelle Übergriffe fast schon beweist. Doch ausgerechnet in Frankreich gelang es, den Geschlechterdiskurs konstruktiv an die New Yorker Anklage anzuschließen. Zwar kam auch hier die Debatte nur in Gang, weil man den Vorwurf gegen DSK für bare Münze nahm und sogleich zum Generalvorwurf gegen die männliche politische Elite überging. Im Unterschied zur deutschen und amerikanischen Diskussion aber löste man sich von dem skandalös-fehlerhaften Ausgangspunkt und leitete eine beeindruckende Analyse der sexuellen Machtgefälle im Lande ein. Irrtümer können fruchtbar sein, Justizirrtümer aber nicht.

Die Sex-Affären der Mächtigen

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