Sexismus im Literaturbetrieb Bei der Scherzkommunikation geht es in Wahrheit um Abgrenzung

Romanautorin Alina Herbing: "Die Verantwortung für den Sexismus lässt sich nicht auf bildungsferne Bereiche und Privatfernsehen abschieben."

(Foto: Anikka Bauer)

Hanzl und Luif bemerken, dass sich innerhalb ihrer Gruppe zwar alle darin einig sind, dass sexistische Strukturen abgelehnt werden. Die traditionellen Geschlechterhierarchien werden aber im informellen Bereich, nach den Sitzungen, doch wieder reproduziert.

Bewusst distanziere man sich von der Dominanz der Männer und den Gesellschaftsstrukturen, die diese bedingen. Unbewusst befördere man sie jedoch durch entsprechende Verhaltensmuster. Nicht nur Männer, auch Frauen* können hegemoniale Rollen einnehmen und Männer können selbstverständlich genauso unter den gegebenen Strukturen leiden.

Aber was sind das genau für Verhaltensmuster, die in diesen Gruppen Hierarchien herstellen? Laut dem Soziologen Michael Meuser können das mitunter winzige Sätze sein, die so normal sind, dass sie kaum noch jemandem auffallen, den Angesprochenen aber darauf hinweisen, dass sein Verhalten nicht der Norm der Gruppe entspricht: "Du machst schon schlapp?", wird Paul beispielsweise gefragt, wenn er sich schon um 22 Uhr aus der Kneipe verabschiedet. "Wartet deine Freundin zu Hause?" Oder: "Verträgst du nichts mehr?"

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Vieles davon ist "eigentlich nicht ernst gemeint". Scherzkommunikation lautet der Fachbegriff für diese Äußerungen, von denen, auch wenn sie nicht so klingen, viel Macht ausgeht. Diese unbewussten Kommunikationsstrategien, so Meuser, fänden sich über alle Milieugrenzen hinweg - unter Fußballfans genauso wie in Seminarstrukturen an Universitäten. Es gehe dabei um die Abgrenzung zu anderen Männern, aber eben auch zu Frauen.

Schon die Anwesenheit einer Frau ändert die Kommunikation

Dafür werden immer wieder Orte und Situationen hergestellt, zu denen Frauen der Zugang verweigert ist. Sie sind damit aus bestimmten Gesellschaftsbereichen ausgeschlossen, auch wenn das heutzutage immer seltener in Gänze möglich ist.

Gerade dort, wo sich traditionelle Geschlechterbilder in der Auflösung befänden, käme Männerrunden jedoch eine besondere Bedeutung zu. Dort könnten sie sich nämlich gegenseitig der Adäquatheit eigener Einstellungen versichern. Je unbewusster dies geschehe, desto effektiver sei es. Das Reflektieren des eigenen Verhaltens würde Männerrunden also, zumindest teilweise, obsolet machen, weshalb weitestgehend darauf verzichtet werde.

Ich weiß nicht, worüber in Männergemeinschaften gesprochen wird, weil sie durch meine Teilnahme aufhören würden zu existieren. Schon die Anwesenheit einer oder weniger Frauen verändere das Kommunikationsverhalten.

Bedürfnis nach zwischenmenschlicher Nähe unter Geschlechtsgenossen

Wenn ich einen meiner Kommilitonen an der Uni Hildesheim gefragt hätte, warum sie sich jede Woche zum Fußball spielen treffen, hätte jeder gesagt: "Weil Fußballspielen Spaß macht." Und diese Antwort hätte ich nicht in Frage gestellt, "man findet aber einen Rahmen", schreibt Meuser dazu, "der es - natürlich gerade nicht zufällig - mit sich bringt, dass das Bedürfnis nach zwischenmenschlicher Nähe unter und mit Geschlechtsgenossen realisiert wird".

Ich glaube auch, dass Fußballspielen Spaß macht, aber ich bin mir sicher, dass nicht wenige der Jungs nach ihrem Studium in Hildesheim nie wieder Fußball gespielt haben.