Begehren und Ekel liegen nah beieinander: In den "American Pie"-Filmen ist sie noch Fiktion - jetzt gibt es die Bibel pubertärer Sex-Phantasien im Kunstledereinband.
In späteren Jahren verdrängt man es gern, aber die Pubertät ist eine unangenehme Zeit des Übergangs, voller Geheimnisse und quälender Fragen. Der erste Kuss ist da noch das Harmloseste.
Erfolgreicher Pubertätsstress: Die "American Pie"-Filme waren Kino-Kassenschlager. (© Foto: ap)
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Zum Glück gibt es die seichten Produktionen des Hollywoodkinos, die über die Fragen und Ängste dieser Zeit hinwegalbern. Paul Weitz' Film "American Pie" wurde 1999 eine der erfolgreichsten Teenie-Komödien, die dieses Genre so treffend zusammenfasste, dass sie mittlerweile sechs weitere Folgen nach sich zog. Der Stress zwischen dem Abschluss der Highschool und dem ersten sexuellen Kontakt mit einer Frau wird in diesem Film aus der Sicht einiger amerikanischer Provinzjungs erzählt.
Von Schülergeneration zu Schülergeneration
Das die Phantasie stimulierende Geheimnis der sexuellen Erweckung hat im Film sein eher beiläufiges Zentrum in einem in der Schulbibliothek versteckten Buch, das von Schülergeneration zu Schülergeneration weitergegeben wird. Jedes Schuljahr darf ein Auserwählter das Buch lesen und mit eigenen Beiträgen ergänzen. So enthält es eine stetig wachsende Sammlung an Erfahrungen, Tipps und Eindrücken in Sachen Liebe und Sexualität.
Nach vielen verzweifelten Versuchen findet der Film seinen Showdown im Abschlussball, einer amerikanischen Institution, die ihrerseits Schrecken und Glück zu verbreiten weiß. Und die halbreifen Protagonisten werden natürlich glücklich oder bekommen zumindest einen ersten Eindruck, was dies bedeuten könnte. Darüber gerät die "Sex Bible" aus den Augen.
Das Künstlerduo M+M hat jedoch einen Blick für derartige zentrale Randerscheinungen der Kinoerzählung. Seit bald 20 Jahren ersetzen sie das traditionelle Künstlerindividuum durch eine Art Büro für künstlerische Projekte, die aus dem Kunstbetrieb heraus in die unterschiedlichsten Bereiche unserer Lebenswelt von der Klimaforschung oder der Medizin bis in das System unserer Mobilität reichen. Nun haben sie das geheimnisvolle Buch des Films unter dem Titel "Pie Bible" Realität werden lassen, indem sie 57 Künstlerinnen und Künstler dazu bewegen konnten, ihre Phantasien und Erfahrung oder vielleicht auch "nur" deren Fiktion Realität werden zu lassen.
Das liebevoll gestaltete Buch kommt mit seinem Kunstledereinband und dem Lesebändchen wie eines der von Missionaren verschenkten Evangelienbüchlein daher. Der Verlag für moderne Kunst, der für die herausragende Druckqualität seiner Kataloge und Bücher bekannt ist, hat die unterschiedlichsten Beiträge in faksimileartiger Qualität reproduziert, sodass man den Eindruck hat, ein mit Collagen und eingeklebten Seiten gespickten Band in Händen zu halten. Von Tagebucheinträgen über Fotoinszenierungen bis zu Comicgeschichten sind die unterschiedlichsten Genres vertreten.
Im Strudel der Erinnerungen
Manche Geschichte ist von rührender Unbeholfenheit, mancher Rückgriff auf die Produkte der Pornoindustrie von brutaler Dummheit, wie sie für die Pubertät dann ja auch wieder bezeichnend sein kann. Minimale Eingriffe wie die Verfremdung der erotisierten Werbefotografie mittels kleiner Collagen bleiben länger im Gedächtnis haften als die scheinbare Enthüllung aller Geheimnisse. Gleich mehrere Beiträge parodieren das Maskenspiel, wie es in den Fotografien von Cindy Sherman zum Klassiker der Gegenwartskunst wurde.
Die Begegnung von primären Sexualorganen mit den Resten eines Suppenhuhns lassen nicht vergessen, dass dem Begehren der Ekel sehr nah sein kann. Damit kommt das Buch weg von der Highschool-Komödie und zu der melancholischen, in endlosen Interpretationsversuchen immer noch nicht erklärten Stimmung von Don McLeans Song "American Pie" aus dem Jahr 1971 zurück, in dem ebenfalls ein Buch der Liebe eine Rolle spielt.
Stars des Kunstmarktes wie Jonathan Meese oder Atelier Van Lieshout waren ebenso zu Beiträgen zu bewegen wie eine Reihe weniger bekannter, aber dafür geistreicher Künstler. So entstand eine abwechslungsreiche Sammlung, die nur darin dem Kunstbetrieb Tribut zollt, dass die anonymen Beiträge der Filmbibel hier in einem Anhang personalisiert werden.
Der hartnäckige Voyeurist mag bei diesem Buch auch auf seine Kosten kommen, aber die überwiegend sehr persönlichen Geschichten und Inszenierungen von Geschichten ziehen den Leser doch eher in einen eigenartigen Strudel der Erinnerungen. Damit ist der bildenden Kunst eine kleine kulturgeschichtliche Bestandsaufnahme über "Sex und was sie immer schon darüber wissen wollten" gelungen. Ein weiterer Beweis, wie sinnlos es heute ist, zwischen "hoher" und "niedriger" Kunst zu unterscheiden, wurde nebenbei auch erbracht.
M+M (Hrsg.): Pie Bible. Verlag für moderne Kunst, Nürnberg 2008. 408 Seiten, 42 Euro.
(SZ vom 13./14.12.2008/jb)