Seun Kuti in München Agitation und Ekstase

Seun Kuti in der kämpferischen Pose seines Vaters Fela.

(Foto: Label)

Boko Haram sind nur eine Fußnote. Bei seinem Konzert in München kanalisiert der Nigerianer Seun Kuti, Sohn des verstorbenen Popstars Fela Kuti, die ungefilterte Wut auf eine postkoloniale Welt.

Von Andrian Kreye

Man muss Seun Kutis Vater Fela kurz einordnen, um zu verstehen, mit welcher Wucht die postkoloniale Wut Afrikas am Sonntagabend über die Münchner Theresienwiese hereinbrach. Auch wenn man nicht gleich die ganze postkoloniale Ideengeschichte parat haben musste, um sich von den Rhythmuswalzen überwältigen zu lassen, die Seun Kuti mit ekstatischer Kraft aus den Veteranen der väterlichen Band Egypt 80 herausholte.

Der 1997 gestorbene nigerianische Popstar Fela Kuti bildete gemeinsam mit James Brown und Bob Marley den Kern der Black-Power-Bewegung. Die hatte während der Sechzigerjahre in der amerikanischen Diaspora zwar einen politischen Anfang genommen. Doch als globales Medium taugte Musik in den ehemaligen Kolonialländern viel besser für die Agitation als Rhetorik.

Seun Kuti schließt da direkt an. So reduzierte er die Finanzpolitik des Internationalen Währungsfonds in der Moderation zu seiner Single "IMF (International Motherfuckers)" für das Publikum der Münchner Afrika-Tage auf ein paar Sätze. Afrikahilfe sei nichts anderes, als dass die Reichen und Mächtigen das Geld der arbeitenden Bevölkerung in Europa und Amerika ihren reichen und mächtigen Freunden in Afrika geben. Wer subtile Untertöne sucht, muss immer noch Franzt Fanon und Edward Said lesen. Aber Seun Kutis Agitation der Ekstase ist eine direkte Analyse des politischen Anliegens aus afrikanischer Sicht. Da geht er sogar weiter als sein Vater.

Lässiger als sein Vater

Fela Kutis Afrobeat war neben Soukous aus dem Kongo zwar der erste Soundtrack eines modernen, urbanen Afrikas. Doch Seun Kuti hat die souveräne Lässigkeit im Groove seines Vaters nun im Takt beschleunigt. Er hat zu den Einflüssen des Jazz und des Funk die Härte des Hip-Hop gebracht und so auch der Wut einen direkteren Weg gebahnt.

Kennt man seine Alben, kann man nur ahnen, was sich da bei den Konzerten abspielt. Wenn die beiden Gitarristen die Band mit ihren metallischen Riffs nach vorne treiben. Wenn Schlagzeug und Trommler gegenläufige Beats aufeinander schichten. Wenn die Bläser ihre Akzente über verschlungene Basslinien setzen. Über alledem steigert sich Seun Kuti in musikalische Trance und kanalisiert dabei die ungefilterte Wut auf eine postkoloniale Welt, in der die Seilschaften zwischen ehemaligen und heutigen Herrschern einen ganzen Kontinent klein halten. Boko Haram sind da nur eine Fußnote.