Serie "Was ist deutsch?" Europa nur als Wille und Vorstellung

Warum Flüchtlinge KZ-Gedenkstätten besuchen sollen

Wer Deutscher werden will, darf den Holocaust nicht leugnen. Das gilt auch für Neuankömmlinge, deren Herkunftsländer den Judenmord bestenfalls ignorieren. Gastbeitrag von Volkhard Knigge mehr ...

Die deutsche Neigung, in Europa etwas hineinzuprojizieren, was das real existierende Europa nicht hergibt, ist auch heute noch virulent. Im Oktober 2012 beobachtete der Soziologe Hans Joas in Deutschland eine "rückwärtsgewandte Idealisierung und Sakralisierung Europas, die paradoxerweise auch für hochgradig säkularisierte Intellektuelle attraktiv ist".

Die Gefahr dieser quasireligiösen Überhöhung liegt darin, dass die Enttäuschung programmiert ist: Gegenüber den deutschen Erwartungen können die anderen Staaten nur abfallen. Da Deutschland sie das spüren lässt, fühlen sie sich moralisch bevormundet. "Wer hat die Deutschen zu Richtern der Nationen bestellt?" So fragte 1160, zur Zeit des Stauferkaisers Friedrich Barbarossa, anlässlich einer umstrittenen, keineswegs allgemeinen, sondern vom Reichsepiskopat dominierten Kirchenversammlung in Pavia Johann von Salisbury, der Bischof von Chartres. Die Frage könnte aus dem Jahr 2015 stammen.

Eine Instrumentalisierung Europas zu nationalen Zwecken ist keine deutsche Besonderheit. Sehr deutsch ist es hingegen, an ein Europa zu glauben, das es nur als Wille und Vorstellung gibt. Die Tatsache, dass fast alle anderen Mitgliedstaaten der EU in der Asyl- und Flüchtlingsfrage anders denken und handeln als die Bundesrepublik, beweist noch längst nicht, dass sie recht haben. Aber es ist wichtig zu wissen, warum die Unterschiede gerade auf diesem Gebiet so groß sind.

Historische Prägungen sind nicht auswechselbar

Historische Prägungen sind nun einmal nicht auswechselbar. Von ihnen auszugehen, ist notwendig, wenn man die Gegensätze innerhalb der Europäischen Union ausgleichen und zu einer Lösung gelangen will, die möglichst viele Mitgliedstaaten mittragen können. Die plausible Maxime, dass alle nach Maßgabe ihrer Leistungsfähigkeit an der Bewältigung des Flüchtlingsproblems mitwirken müssen, verlangt auch von Deutschland ein hohes Maß an Kompromissbereitschaft. Es darf weder andere überfordern noch sich selbst.

Man kann, um ein bekanntes Wort über die Wahl der eigenen Eltern abzuwandeln, nicht vorsichtig genug sein in der Wahl der eigenen Vergangenheit. Die Deutschen hatten sich nach 1945 mit einer besonders schrecklichen Vergangenheit auseinanderzusetzen. Sie haben nach jahrzehntelangen, oft leidenschaftlich geführten Debatten ein überwiegend selbstkritisches Verhältnis zu ihrer Geschichte entwickelt und sich eben dadurch der politischen Kultur des Westens geöffnet.

Zu dieser Kultur gehören die unveräußerlichen Menschenrechte, darunter die Meinungs- und Religionsfreiheit und die Gleichberechtigung von Mann und Frau, das Bekenntnis zur wehrhaften, pluralistischen, repräsentativen Demokratie, die kategorische Absage an Rassismus und Judenfeindschaft und die allmähliche Überwindung des ethnisch verengten Verständnisses von Nation. In der Summe bilden die normativen Errungenschaften der alten Bundesrepublik eine zeitgemäße Antwort auf die Frage "Was ist deutsch?". Es ist eine Antwort, hinter die das wiedervereinigte Deutschland nicht zurückfallen darf.

Deutschland wird sich verändern, wenn Hunderttausende neu hinzukommen. Aber was ist das - deutsch? Darüber debattieren Deutsche aus Ost und West, Wissenschaft und Praxis in dieser Serie. Heute: der Soziologe Stephan Lessenich.

Serie Was ist deutsch?

Die Serie "Was ist deutsch?" behandelt Facetten und aktuelle Fragestellungen deutscher Identität. Erschienene Artikel:

Viele Herkunftsländer sind autoritäre, patriarchalische, durch Gewalt geprägte Gesellschaften

Die Aufgabe, die politische Kultur der Bundesrepublik Menschen zu vermitteln, die in großer Zahl aus islamischen Krisenländern nach Deutschland kommen und zu einem erheblichen Teil dauerhaft hier bleiben werden, ist eine der größten Herausforderungen, vor die dieses Land je gestellt worden ist. Viele der Herkunftsländer sind zerfallende und zerfallene Staaten. Fast alle sind autoritäre, hierarchische und patriarchalische, durch Clanstrukturen, Korruption und Gewalt geprägte Gesellschaften, in denen antifeministische, homophobe und judenfeindliche Überzeugungen weit verbreitet sind. Integration bedeutet deshalb vor allem eines: die Verpflichtung auf die gleichen westlichen Werte, an denen sich auch die Deutschen selbst messen lassen müssen. Es wäre leichtfertig, sich über die Schwierigkeiten dieser Aufgabe Illusionen zu machen oder sie schönzureden. Es wäre nicht minder gefährlich, sie für unlösbar zu halten und darum gar nicht erst anzupacken.

Heinrich August Winkler ist Historiker. Zuletzt erschienen von ihm die "Geschichte des Westens" und der Essayband "Zerreißproben. Deutschland, Europa und der Westen" (beide Verlag C. H. Beck).