Serie: Was ist deutsch? Grenzen? Wie altmodisch!

Ich bin drinnen: Eine Flüchtende schreibt auf ihrem Handy, nachdem sie die Küste der griechischen Insel Kos erreicht hat.

(Foto: Angelos Tzortzinis/AFP)

Waren, Daten, Geld - alles fließt ungehindert um die Welt, nur Menschen nicht. Aber wollen wir wirklich, dass Mauern und Stacheldraht in Zukunft "typisch deutsch" sind?

Gastbeitrag von Frank Rieger

Die Globalisierung hat die Welt geschrumpft. Es ist völlig normal geworden, in einer Firma in Berlin ein Produkt zu designen, für das die Prototypen im tschechischen Pardubice zusammengebaut werden. Die Serienfertigung geschieht in Shenzhen, in der Software stecken Komponenten aus São Paulo, Lviv und Paris, und am Ende wird es über Amazon weltweit vertrieben, während der Kunden-Support in Dublin sitzt. Daten, Waren, Dienstleistungen und Geld fließen mehr oder minder ungehindert um die Welt. Für Menschen kann man das nicht behaupten.

Freizügigkeit gibt es nur innerhalb der EU - noch. Die Bewohner der wohlhabenden Länder bleiben gern unter sich. Die Idee, man könne fast alles globalisieren, außer die Wahlfreiheit des Lebensorts, war die Grundlage der Weltwirtschaft der letzten Jahrzehnte. Bisher funktionierte das aus der Perspektive der westlichen Staaten so halbwegs - allerdings auch nur aus dieser.

Während die ökonomischen Verflechtungen tief sind, Geld und Daten in Sekundenbruchteilen um den Planeten flitzen, alle dieselben Smartphone-Spiele spielen, dieselben Serien schauen und zur gleichen Musik tanzen, sind Unterschiede der Kultur- und Religionstraditionen, Sozialsysteme und Sprachen die letzten, aber emotional mächtigen Abgrenzungsmöglichkeiten der Nationalstaaten.

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Digitale Medien wurden für Aufstände genutzt, für den Flirt - und jetzt auf der Flucht

Eines der Phänomene des Netzes ist die Verbindung von Menschen mit Interessen und Bedürfnissen, die so speziell sind, dass die Chance, Gleichgesinnte zu treffen, vor Ort in der physischen Welt sehr gering ist. Im Netz aber finden heute Fans von japanischen Manga-Serien genauso wie Freunde exotischer Wildtiere ganz selbstverständlich Gesprächspartner mit gleichen Interessen und Werten. Die Communitys um populäre Computerspiele sind millionenstark und reichen um den ganzen Planeten.

Die kulturellen Codes und die Binnendialekte dieser weltweiten virtuellen Kommunen bilden Identifikationspunkte, die die traditionellen nationalen Grenzen überwinden. Angehörige der virtuellen Gemeinschaften sind einander im Zweifel kulturell näher und menschlich wichtiger als den Lederhosenträgern aus ihrem Dorf. Je jünger und vernetzter Menschen sind, desto stärker ist ihre Verwunderung darüber, dass ein diffuses Konzept von "Nationalität" sie von ihren Freunden trennen soll, mit denen sie ständig über das Telefon verbunden sind.

Nun steht die EU vor der Herausforderung, in den nächsten Jahren Millionen Menschen aufzunehmen, die durch Klimawandel, Perspektivlosigkeit und die Folgen von Jahrzehnten verfehlter Außenpolitik des Westens entwurzelt wurden. Sie scheren sich nicht um Visa oder Linien auf der Weltkarte, sie gehen einfach dahin, wo ihnen keine Bomben auf den Kopf fallen, wo es Nahrung, Arbeit und Unterkunft gibt und vielleicht die Aussicht auf Bildung und Wohlstand. In den globalisierten Informationsflüssen - Fernsehen, Facebook, Instagram - haben sie die Ziele ihrer Flucht schon lange gesehen.

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Die logische Fortsetzung der "Facebook-Revolutionen"

Das Bild des Fluchtziels Deutschland ist oft verklärt, unrealistisch, beruht auf gezielten Fehlinformationen. Es zu korrigieren, ist eine der vielen großen Herausforderungen. Wer, wie verschiedene europäische Regierungen, auf Facebook-Legenden mit Print-Zeitungsanzeigen reagiert, offenbart nur ein großes Maß an technisch-informatorischer Hilflosigkeit.

Die aktuellen Migrationsbewegungen sind in gewisser Weise die logische Fortsetzung der "Facebook-Revolutionen" des Arabischen Frühlings. Ohne die technologische Dimension kann man sie weder verstehen, noch gut mit ihnen umgehen.

Als die Regimes in Ägypten, Tunesien und Libyen fielen, wurde gern von "Twitter-Revolutionen" geredet, weil die aufständische Jugend neben Mobiltelefonen intensiv die Social-Media-Werkzeuge zur vernetzten Organisation nutzte. Diese Einordnung täuschte über die eigentlichen Ursachen der Aufstände hinweg. Denn es waren mitnichten die neuen Kommunikationsmöglichkeiten, die zum Regime-Domino führten.

Vielmehr hatte die Kombination von jahrzehntelanger Unterdrückung, durch Dürre und Spekulation verursachten Nahrungsmittelpreis-Steigerungen und Perspektivlosigkeit der Jugend die Situation geschaffen, in der die Aufstände entstanden. Die digitalen Kommunikationsmittel waren dabei längst zur Selbstverständlichkeit geworden, sie wurden genauso für den Aufstand genutzt wie für den Flirt - und jetzt also für die Flucht.