Serie "Was ist deutsch?" Deutschland ist und bleibt mein Land

Für die Empörten am rechten Rand des Schrebergartens ist ein Ausländer nie integriert genug: Haidenau nach den Ausschreitungen gegen Flüchtlinge im August.

(Foto: Sean Gallup/Getty Images)

Mein Vater kam aus Anatolien und wollte nie bleiben. Ich fühlte mich immer als Deutsche - auch wenn das nicht alle akzeptieren.

Von Seda Basay-Yildiz

Deutsche grölen "Ausländer raus" und zünden Flüchtlingsheime an. Wenn das "deutsch" ist, dann will ich keine Deutsche sein! Deutsche haben zehn Menschen, neun von ihnen mit Migrationshintergrund, exekutiert, und die Sicherheitsbehörden hatten nichts Besseres zu tun, als die Hinterbliebenen der Opfer jahrelang zu verdächtigen. Dabei waren es rassistisch motivierte Morde des NSU.

Zehntausende Deutsche gehen regelmäßig auf die Straße, brüllen "Wir sind das Volk" und demonstrieren gegen die Islamisierung des Abendlandes. Und nach den schrecklichen Vorfällen in Paris am 13. November diskutieren wir darüber, ob wir nicht unsere Grenzen schließen und den Flüchtlingsstrom begrenzen sollen. Für all das schäme ich mich. Als Deutsche.

Wann sollen wir über Haltung reden, wenn nicht jetzt?

Zum ersten Mal identifiziere ich mich mit den Worten von Angela Merkel: "Dann ist das nicht mein Land". Wann sollen wir über Haltung reden, wenn nicht jetzt?

Ich mache mir immer mehr Gedanken über den Begriff der Heimat und das Gefühl der Verbundenheit mit Deutschland. Vermutlich deswegen, weil ich mich in letzter Zeit immer fremder in Deutschland fühle. Wo bin ich eigentlich zu Hause, wo ist meine Heimat? Bis vor ein paar Jahren habe ich über diese Fragen nie nachgedacht.

Seda Basay-Yildiz, 39, vertritt im Prozess gegen den rechtsradikalen NSU die Familie eines Mordopfers, des Blumenhändlers Enver Şimşek.

(Foto: privat)

Aber meine Unbeschwertheit ist verloren gegangen. Ich fühle mich zeitweilig in Deutschland nicht mehr wohl und damit auch nicht mehr zu Hause. Menschen, die ich zu meinem engen Bekanntenkreis gezählt habe, outeten sich als Pegida-Anhänger. Oder zum NSU-Terror fällt ihnen nur ein, dass so etwas eben passiert, als ob es das Normalste der Welt wäre. Vor ein paar Monaten rief mich ein Bekannter an, weil in seiner Nachbarschaft Flüchtlinge einziehen sollen und er rechtliche Schritte dagegen einleiten wolle. Was ich ihm als Juristin raten könne. Ich frage mich, wie er darauf kommt, dass ausgerechnet ich ihm einen Rat dazu geben könnte. Endlich habe auch ich begriffen, dass ich mich positionieren muss.

Früher habe ich bei Diskussionen über Ausländer- und Asylpolitik in meinem Bekanntenkreis das Thema gewechselt, weil ich mich nicht mit jedem streiten wollte. Heute lasse ich es bei Diskussionen gerade darauf ankommen, dass dieser Streit entsteht. Ich möchte meine Zeit nicht mehr mit Menschen vergeuden, die solche Gedanken äußern und dann nicht verstehen, warum ich ihrer Ansicht nach überzogen reagiere - denn ich sei doch nicht gemeint, wenn sie von Islamisierung, Schließung der Grenzen und der Rückführung von Ausländern sprechen.

Ich denke über Alternativen zu Deutschland nach und komme zu der Erkenntnis, dass es für mich persönlich keine gibt.