Serie "Was ist deutsch?" Der Nationalstaat ist tot, es lebe der Nationalstaat!

Fußball-Weltmeisterschaft 2014: Gartenzwerg mit Deutschland-Flagge.

(Foto: Julian Stratenschulte/dpa)

Kaum ein Land kämpft so mit dem Nationalbegriff wie Deutschland - Analyse einer Obsession.

Von Jörn Leonhard

Am 29. Mai 1949 zog Thomas Mann Bilanz. In seiner Rede über "Deutschland und die Deutschen" formulierte er aus der Perspektive des Exils, was aus dem deutschen Nationalstaat nach zwei Weltkriegen, Diktatur und Holocaust geworden war. Mann verwies auf eine verhängnisvolle Kontinuität in der Geschichte Deutschlands, die er aus dem Zusammenhang von Nationalstaatlichkeit, Krieg und Gewalt ableitete: "Durch Kriege entstanden, konnte das unheilige Deutsche Reich preußischer Nation immer nur ein Kriegsreich sein. Als solches hat es, ein Pfahl im Fleische der Welt, gelebt, und als solches geht es zugrunde."

Das vernichtende Urteil des Schriftstellers war der Logik des Rückblicks geschuldet, es entstand aus der tiefen inneren Erschütterung über den nationalsozialistischen Unrechtsstaat.

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Weil der Nationalstaat durch zwei Kriege und beispiellose Gewalt jede Legitimation eingebüßt hatte, wurden in beiden deutschen Gesellschaften alternative Begründungen der Nation entwickelt, etwa in der Rückwendung zur kulturellen Einheit der Deutschen in Literatur, Kunst und Musik, im Appell an die Verantwortungsgemeinschaft der Deutschen für den Frieden in Europa oder seit den Siebziger und Achtziger Jahren in der Neuentdeckung der Geschichte: Während die DDR Friedrich den Großen neu entdeckte, wandte man sich in der Bundesrepublik den demokratischen Alternativen zum autoritären Machtstaat zu, feierte deutsche Jakobiner im Zeitalter der Französischen Revolution, das Hambacher Fest von 1832 und die Revolutionäre von 1848/49.

Die großen geschichtspolitischen Debatten der Bundesrepublik - sowohl die Kontroverse um die "Alleinschuld" des Deutschen Reiches am Ausbruch des Ersten Weltkriegs als auch der Historikerstreit um die Einzigartigkeit des Holocaust - verstärkten den kritischen Umgang mit Nation und Nationalstaat. Die alternativen Formeln des Verfassungspatriotismus, der reflexhafte Verweis auf Europa als Garantie dafür, nie wieder in die Gewaltgeschichte des Nationalismus zurückzufallen, oder nach 1990 die Rede von der "Berliner Republik" als "postnationalem Nationalstaat", die Idee der Läuterung, des Lernens aus der Geschichte auf dem "langen Weg nach Westen": All diese Formeln unterstrichen vor allem eine tiefe und anhaltende Unsicherheit.

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Symptome großer Verunsicherung

So reicht der Schatten der deutschen Katastrophengeschichte bis in die Gegenwart. Die Denkmalslandschaft Berlins bildet diesen Umgang mit der Vergangenheit ab, die sich in den ungezählten Opfern und dem Kampf um ihre öffentlich sichtbare Anerkennung widerspiegelt. Jede Diskussion um eine Beteiligung deutscher Soldaten an "Auslandseinsätzen" - auch die jetzige -, die rhetorischen Strategien, um Begriffe wie "Krieg" und "Gefallene" zu umgehen, überhaupt die Schwierigkeit, eine Balance zwischen ökonomischer Macht und globaler Selbstpositionierung zu finden - all das sind Symptome eben jener Verunsicherung.

Die Generation, die selbst noch die Erfahrung der Gewaltgeschichte bis 1945 teilte, verwies auf einen besonderen "deutschen Sonderweg". Die vergleichsweise späte Gründung des deutschen Nationalstaates 1871, sein Ursprung aus Krieg und Gewalt und nicht aus einer geglückten demokratischen Revolution, ein politisch schwaches Bürgertum ohne historische Erfolgsmomente wie 1776 in den Vereinigten Staaten oder 1789 in Frankreich - all dies legte eine negative Kontinuität nahe vom Ende des 19. Jahrhunderts über die Katastrophe des Ersten Weltkriegs und die durch die Niederlage belastete Republik von Weimar bis zum Gewaltregime der Nationalsozialisten, dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust.

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Doch solche Meistererzählungen sind vom Ergebnis her erzählt, sie folgen der Logik des Rückblicks, und sie verkürzen in der Suggestion den Blick auf die vielen offenen Momente der vergangenen Zukunft, sei es 1871 oder 1918. Der Nationalstaat von 1871 war um 1900 sehr viel mehr als nur ein autoritärer Machtstaat. Er war auch ein Fortschrittsmodell als Rechts-, Verwaltungs- und Sozialstaat, als Gehäuse einer Wissensgesellschaft, die ein hohes Maß an globaler Vernetzung kennzeichnete. Und all das waren Errungenschaften, die ohne bürgerliche Modernitätsansprüche nicht zu erklären waren.