Warum wir nicht mehr "oversexed and underfucked" sind: Das Internet als größtes Erotik-Archiv und täglicher Sex-Ersatz verändert mit der gnadenlosen Ausstellung nackter Körper unser Empfinden.
Ausgerechnet am körperfernsten, körperfremdesten Ort, dort, wohin niemals ein Leib gelangen kann, tummelt und räkelt sich nacktestes Menschenfleisch in allen erdenklichen Posen. Es scheint absurd, doch nackter als im Internet kann ein Mensch nicht sein, und vielleicht ist gerade die Virtualität des Netzes der Grund dafür, dass dort mit aller Bildmacht versucht wird, die fehlende unmittelbare Körperlichkeit mit Bildern kopulierender Menschen zu kompensieren. Oder aber: Aus der Ungegenständlichkeit der Virtualität, ihrer Dimensionslosigkeit in Zeit und Raum, resultiert gerade die Schrankenlosigkeit der Darstellung.
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Cyber-Erotik trifft Fotokunst: Jean-Yves Lemoigne liebt das Spiel mit den Pixeln. (© Foto: Lemoigne)
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So oder so, das Netz versammelt Körperbilder, die Menschen bei der Arbeit an und mit ihrer Lust zeigen. Nie zuvor gab es ein größeres Archiv weltweit dokumentierter Wollust. Doch halt! Es zeigt eben nicht Menschen als ganzheitliche Wesen mit Persönlichkeit, Geschichte und Beziehungen, sondern rückt aufs Gröbste jene Körperteile, -öffnungen und -flüssigkeiten in den Fokus der Darstellung, die beim Geschlechtsverkehr frei werden. Pornographie im Internet ist zuerst gynäkologisches Grundstudium weiblicher Fortpflanzungsorgane, gepaart mit Banal-Phantasien, sie zu penetrieren.
Wäre Pornographie so etwas wie Körper-Kommunikation zwischen Geschlechtspartnern, sie wäre kaum mehr als die Stenographie eines Stammelns - nun gut: eines gestöhnten Stammelns. Was man sieht (und hört), ist zumeist von bestürzender Monotonie und würde ob seiner Handlungsarmut nie die erdrückende Fülle immergleicher Bilder rechtfertigen, die das Internet fluten.
Die USA, eine Porno-Großmacht
Einem Bonmot zufolge verlöre das Internet wohl die Hälfte seiner Inhalte, wenn man die Pornographie daraus verbannte. Übrig blieben dann nur noch Seiten mit der Forderung: "Gebt uns unsere Pornos wieder!" So stimmt das natürlich nicht: Es gibt tatsächlich etwa 420 Millionen Webseiten mit pornographischen Inhalten. Das sind lediglich 12 Prozent aller Seiten im Netz. Fast 90 Prozent davon befinden sich auf amerikanischen Servern, mit großem Abstand folgt Deutschland: vier Prozent aller weltweit verfügbaren Webseiten mit explizitem Inhalt werden hierzulande produziert.
Pornographie ist jenes einzigartige Genre der Fiktion, das darauf ausgelegt ist, das Dargestellte als unbedingt real erscheinen zu lassen. Mit solcher Eindringlichkeit übrigens, dass inzwischen die "westlichen Normen für Schönheit von der Pornographie definiert werden", wie Naomi Wolf Anfang April im Times Magazine konstatierte. Pornographie inszeniert Körperkollisionen mit dokumentarischen Anspruch: Sie behauptet, die einzige Wahrheit des Leibes, der Lust und der Posen festzuhalten. Hardcore, das sagt der Name, will eben "harter Kern" sein: unverblümte, unverstellte Leiber und ihre Aktivitäten, von denen alles Unwesentliche entfernt wurde. Als unwesentlich gelten hier Gefühle, Geschichte, Beziehungen, ja sogar Dialoge: Auf dem Feld der Pornographie wird - wie in der Kirche - kaum gesprochen.
Lesen Sie weiter auf Seite 2, worum es der Pornographie wirklich geht.
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Die Süddeutsche und ihr ständiger Alliterationshusten. Nun denn, "Worldwide Wollust", herr je.
Zunächst einmal zu diesem Auszug hier: "Auf dem Feld der Pornographie wird - wie in der Kirche - kaum gesprochen."
Das Zitat finde ich nicht sonderlich gut, geschweige denn stimmig. Es mag ja ad hoc stimmig scheinen, dass da "kaum gesprochen" wird, aber wenn "gesprochen" eben eine Verständigung meint, wird schon kommuniziert, gerade wenn von Aktueren geredet wird, von Filmchen, den paar Comicphrasen und Lautketten. Da ist nicht nur nonverbales Geschlängel und übersteuerte Stummfilmgesten, was nicht meint, dass der 'stereotype Internetstreifen' großen Anspruch verfolgt.
Der Konsument steht zudem nicht "auf dem Feld der Pornografie", er ist nicht Darsteller (wie das Wort Pornografie aussagt) oder Produzent, er ist Betrachter von außerhalb, ein Frotteur, wenn man will. Dass er mitunter wenig spricht, stimmt. An diesen beiden Punkten bricht sich jedoch das obige Zitat selbst entzwei.
Und bei dieser Koketterie, Porno und Kirche endlich in einem Satz vergleichen zu können, ja, da hat man bestimmt ordentlich provokant gekichert.
Bei der Zwischenüberschrift des Artikels "Pop(p)-Kultur", schön in Klammern angedient, damit auch wahrlich dem Letzten auch noch auffällt, dass da jemand eine Doppeldeutigkeit entglitten ist, konnte man sich dann vermutlich gar nicht mehr halten.
Der Artikel ist gelöst von diesem Zitat bzw. den Zitaten undifferziert in Potenz, in großen Teilen ein Papperlapapp mit ein paar getrimmt-umsichtigen Anleihen, sehr gewollt. "Nacktestes" (Zitat Graff) Beschauen.
"Weibliche Fortpflanzungsorgange" im engeren Sinne sind Reproduktionsorgane. Und die se wiederum sieht man selten in besagten Filmen, aber ich weiß nicht, welchen Zoom Herr Graff so benutzt oder ob jetzt Gunther von Hagens schon beim Film arbeitet. Wenn schon, dann bitte Geschlechtsorgane (das ist allgemein haltbar) und neben den weiblichen sieht man in der Regel noch andere. Internetpornografie ist überdies auch keine heterosexuelle Veranstalltung.
Was ich zudem befremdlich finde, ist, dass sich Herr Graff selbst über einen "Dingcharakter" in das Metier einschreibt. Die oft kritisierte Objekterei übernimmt er ja schon, indem er vom "Grundstudium weiblicher Fortpflanzungsorgange" spricht. Und auch wenn er "Banal-Phantasien" anfügt, wird die Linse nicht weiter gestellt.
Meine Güte was für ein alter Hut, dieser Beitrag.
Statt sich zu fragen, wie Sexualität sich unter den Umständen eines restriktiven Kapitalismus verändert, wir die alte gutbürgerliche Mitleidsmasche ausgepackt. Man kann die ganze Sache nämlich auch auf den Kopf stellen und sagen, das alleine die technische Machbarkeit eine Oberfläche generiert, die unseren Möglichkeiten Rechnung trägt. Alleine darüber könnten wir stundelang diskutieren. Täuschung, Simulation und Wünsche gehen dabei doch Hand in Hand. Porno ist eine Suggestion, ein Simulakrum.
Ich bin zu 100% davon überzeugt, das die meisten Konsumenten das wissen. Der Rest, hat schon immer alles nicht kapiert.
Die Behauptung der Überschrift ist pauschal und falsch. Es gibt auch schlechte Liebesfilme, die einen Tend zur Zweisamkeit ungewollt zuschütten.
Die logische Kette die Dieser Artikel aufzuwerfen droht ist:
Pornos (monoton, spannungsarm, menschenreduzierend, unpädagogisch) sind frei im Internet erhältlich. Kinder, Jugendliche junge Erwachsene haben leichtesten Zugriff.
Pornos "KÖNNTEN" die sexuelle Erziehung übernehmen/der Umgang der Menschen in Pornos miteinander wird als Vobild in realen Beziehungen nachgeäfft.
Persönlich finde ich das Leute meiner Generation (werdender Erwachsener) und ältere denen diese Form der körperlichen Betätigung durch die Hemm/Schamschwelle Pornokauf versagt oder zumindest erschwert wurde keine objektive Meinung zu Diesem Thema abgeben können. Nur diejenigen die noch beides erlebt haben könnte man Fragen ob sie es kritisch sehen oder ob hier eine Angst beschworen wird die jedweder Grundlage entbehrt.
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