Selfies einst Außenansichten

Eine Ausstellung in Karlsruhe erkundet die Geschichte des Selbstbildnisses. Es sollte der Introspektion dienen, doch tatsächlich erliegen viele Künstler ihrem Narzissmus.

Von Kia Vahland

Es gibt Dinge, die erscheinen überall auf der Welt selbstverständlich: Menschen bilden sich ab, zum Beispiel, und sie tun dies gerne in zweidimensionalen Rechtecken, nämlich in Fotografien, Zeichnungen und Gemälden. Das Porträt aber ist kein Naturphänomen, sondern ein höchst erfolgreicher europäischer Export seit der Zeit der Entdeckungsreisen. Ein Kolonialartikel, ähnlich wie das Essen mit Messer und Gabel. Es ginge auch ganz anders, man könnte etwa, wie in den verschwiegenen alten Südseekulturen, abstrahierende Masken anfertigen und diese nach rituellem Tanz verbrennen.

Macht aber keiner. Man fotografiert, am besten die eigene Person. Wer es gediegen mag und ein scheinbar bleibendes Image verbreiten will, lässt sich malen oder erledigt das, ist er Künstler, gleich selbst. Eine große Karlsruher Ausstellung hat nun in Zusammenarbeit mit Museen in Lyon und Edinburgh 140 Selbstbilder quer durch die Jahrhunderte zusammengetragen. Im Ergebnis fragt man sich leider, ob es wirklich eine so gute Idee ist, zur Selbstdarstellung stets Rechtecke an die Wand zu nageln. Immer mehr, immer neue.

Handyfotos sind viel spontaner als Gemälde; sie sind nicht für die Ewigkeit gemacht

Was in Karlsruhe zu erleben ist, gestaltet sich mit wenigen Ausnahmen als Parcours der Eitelkeiten. Männer, die posieren. Männer, die sich als hoher Herr gerieren (Joseph Vivien), als armer abgerissener Sonderling (Duncan Grant), als umwölkter Dandy (John Patrick Byrne), als lustiger Lebemann (Vincenzo Campi), als tatkräftiger Kerl in besten Jahren (Hans Thoma). Sicher, hier ist viel zweite Garde zu sehen, das aber ist manchmal am aussagekräftigsten - berichten diese Hof- und Hauskünstler doch zuverlässig von jahrhundertealten Gewohnheiten des Sehens und Präsentierens. Der Vorwurf an heutige Selfie-Fotografen, sie seien besonders selbstbezogen, lässt sich nach der Ausstellung jedenfalls nicht aufrechterhalten: An Kündern der eigenen Großartigkeit mangelte es der Kulturgeschichte nie.

Es macht die Sache nicht besser, dass für den Kunstkontext geschaffene Bildnisse sorgfältiger durchdacht sind als Handyfotografien, die aus einem Moment heraus entstehen, um sofort via soziale Medien ausgetauscht und rezipiert zu werden. Eher ließe sich argumentieren, dass die Tradition des Selbstporträts und die Selfie-Mode kaum etwas miteinander zu tun haben. So sieht es der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich in einem erhellenden Katalogbeitrag: Demnach sind die spontanen Selfies nicht mit durchkomponierten klassischen Porträts verwandt, sondern mit den digitalen Emoticons, die einzelne Regungen isolieren und pointieren, was zu einer globalisierten, kommentarlos verständlichen Mimik führt. Regionale Variationen, auch Unterschiede des Standes, verschwinden so aus den Gesichtern. Sogar Barack Obama stellte schon vor dem Spiegel Emoticons in Selfies nach und veröffentlichte diese.

Die Ausstellungsmacher teilen Ullrichs Auffassung, Bildnisse in Kunst und Populärkultur seien nicht vergleichbar: Die einen zielen auf Dauerhaftigkeit, die anderen feiern den Augenblick. Doch aus lauter Angst davor, den Anschluss an die Gegenwart und die Jugend zu verpassen, vermeiden die Museumsleute in den Sälen alle Unterscheidungen. "Vom Rembrandt zum Selfie" lautet der gleichmachende Untertitel der Schau, und das wird weder dem einen noch dem anderen gerecht. Rembrandts um 1645 gemaltes vibrierendes, rotwangiges Selbstbildnis ist eines der wenigen Werke der Ausstellung, die sich an einer wahrhaftigen Innenansicht versuchen. Sein Zweifel im dunklen Blick ist auch ein Selbstzweifel; der tupfend suchende Pinsel stellt mehr Fragen an das Ich, als dass er Antworten wüsste.

Ein so sensibles Ausnahmewerk kann man nur stören, wenn man es, wie in Karlsruhe, mit Robert Mapplethorpes aggressivem Auftritt als jugendlichem Messerstecher von 1983 konfrontiert. Besser hätte dieser Halbstarke zu Anselm Feuerbach gepasst: Der zieht um 1851 den Mundwinkel voller Überheblichkeit empor und bietet dem Betrachter finsteren Blickes die Stirn. Es ist ein für die Schau emblematisches Gemälde: Zuvorderst geht es hier um Selbstbehauptung, nicht um Selbsterkundung.

Fragwürdig sind viele Zusammenstellungen auch deshalb, weil es keine einordnenden Saaltexte gibt. Statt Hintergründe zu erforschen, Zusammenhänge zu erahnen, sollen die Betrachter durch die Jahrhunderte flanieren, als wäre es immer so gewesen wie heute.

Nur wenige Künstler durchbrechen den Reigen der Rollen. Es sind einige Männer darunter wie John Coplans, der 1996 wohlig liegend seinen dicken, haarigen Leib fotografiert, kopflos. Auch Ai Weiwei mit seinen Porträts als Versehrter im Krankenhaus gehört dazu, er ist der einzige echte Selfie-Künstler, der gewürdigt wird.

Ansonsten aber sind es die gerade einmal zehn Prozent Künstlerinnen, die sich ausprobieren und infrage stellen. Cecile Walton malt sich schon 1920 als erschreckend kühle, aber ordentlich gekämmte Mutter eines Neugeborenen, den sie hochhält wie eine edle Handtasche. Und die große Marina Abramović prügelt sich 1975 mit einer Haarbürste mehr, als dass sie sich frisiert; sie schreit dazu, Kunst müsse schön sein, ein Künstler, eine Künstlerin auch.

Wer soll schön sein, das Werk oder der Künstler? Oder keiner von beiden?

Es mag an der Hängung und Auswahl der Positionen liegen, tatsächlich aber bangen die Frauen von Sophie Reinhard bis Lee Miller hier permanent um ihr Aussehen, während die Männer sich auch dickbäuchig, betrunken und runzlig für fantastisch halten. Beide Geschlechter erscheinen wie gefangen in ihren jeweiligen Zwängen. Und die ermüden auf Dauer das Publikum.

Ob nun ausgerechnet die Selfies der Porträtgeschichte neue Impulse geben können? Es gab sie ja einmal, die Schaustücke großer Selbstbetrachtungen, Albrecht Dürers Eigenansicht als Christus, Paula Modersohn-Beckers Aktbild mit nacktem Babybauch sind keine Ego- sondern Menschheitsbilder. Vielleicht gebiert die visuelle Massenproduktion noch etwas ganz Neues auch in der Kunst. Davon aber ist in dieser Ausstellung noch nichts zu spüren.

Vielleicht kommt es ja auch anders, und die nächste große Sache in der Geschichte menschlicher Selbstdarstellung verzichtet lieber auf rechteckige Bilder.

Ich bin hier! Von Rembrandt zum Selfie. Kunsthalle Karlsruhe, 31. Oktober bis 31. Januar. Katalog: 39,80 Euro. Info: www.kunsthalle-karlsruhe.de. Die Schau wandert nach Lyon und Edinburgh.