"Sein letztes Rennen" im Kino Die Sache mit der alternden Gesellschaft

Der eigentliche Kampf, den Paul nun ausfechten muss, besteht nicht darin, das Rennen zu überstehen. Er muss durchsetzen, überhaupt daran teilnehmen zu können. Margot findet bald Gefallen an den Trainingseinheiten, und ein paar von den geistig agileren Mitbewohnern haben ihren Spaß daran, ihn anzufeuern, sich endlich wieder wirklich für etwas zu interessieren. Aber die Therapeutin und die überforderte Oberschwester Rita (Katrin Sass) versuchen, ihn am Training zu hindern: Ausdruck einer Altersdepression, sagen sie. Gesundheitsgefährdend. Paul wehrt sich mit aller Macht, er hat nichts zu verlieren, denn seinem Tod ohne weitere Gesundheitsgefährdung entgegenzuvegetieren, lehnt er strikt ab: Das Leben ist ein Marathon, man läuft nicht die ganze Zeit mit der gleichen Geschwindigkeit, und er weiß das.

Heike Makatsch spielt die Tochter von Paul und Margot, Birgit, eine Frau, die weder in ihren Job noch in ihre Beziehung allzu viel Leidenschaft investiert. Sie ist sozusagen der jugendliche Parallel-Entwurf zu dem, was man in dem Heim sieht: Den meisten Leuten dort käme etwas Aufregung gerade recht, kaum einer ist zufrieden mit dem Bastelkurs. Aber es gibt eben nur wenige, die gelernt haben, sich ihre Aufregung selbst zu verschaffen. Man muss seine Passionen beizeiten pflegen, wem das Leben nur passiert - dem passiert irgendwann gar nichts mehr. Die Tochter gewöhnt sich nur mit Mühe an die Idee, dass ihr Vater nicht zu bändigen sein will - und krempelt dann, was am Ende ein paar schöne Szenen ergibt, auch ihr eigenes Leben um.

Filmschnitzer für Besserwisser

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"Das letzte Rennen" ist ein schöner, kluger Film, ganz rührend zuweilen und sehr zielstrebig - ein bildgewaltiges Epos zum Alter hat Kilian Riedhof vielleicht nicht gedreht, aber er weiß ganz genau, worauf er hinaus will. Man kann das, was er dann daraus gemacht hat, am ehesten Dustin Hoffmans spätem Regiedebüt "Quartett" gegenüberstellen, das im vergangenen Jahr mit einigem Erfolg bei uns gelaufen ist: Da ging es um ein Seniorenheim für Musiker in England, ein wunderbarer alter Landsitz, dem zwar die Stiftungsgelder ausgehen, wo sich aber einstweilen die Bewohner an Energie gegenseitig übertreffen. Dame Maggie Smith kommt als Neuzugang an, und ihr Problem ist, dass sie nicht mehr öffentlich singen will - sie hat Angst, hinter ihren früheren Leistungen zurückzubleiben, und die anderen müssen sie erst einmal davon überzeugen, dass man etwas auch dann noch tun darf, wenn man nicht mehr gewinnt.

Lieber basteln

Das ist sozusagen das genaue Gegenteil von dem, was Dieter Hallervordens Paul durchmacht. Dem ist egal, dass er nicht mehr als Erster durchs Ziel laufen wird, er will eine Aufgabe - und keiner ermutigt ihn. Er soll lieber basteln.

Und so schön "Quartett" ist: "Sein letztes Rennen" ist die realistischere Geschichte und dann auch die, die viel mehr Fragen aufwirft, dazu, ob wir die Sache mit der alternden Gesellschaft wirklich im Griff haben. Seinem Hauptdarsteller hat Riedhof so auf jeden Fall einen ganz wunderbaren Karriere-Höhepunkt beschert. Unerwartet spät - aber das passt ja ganz hervorragend zum Film.

Sein letztes Rennen, D 2013 - Regie: Kilian Riedhof. Drehbuch: Riedhof, Marc Blöbaum. Kamera: Judith Kaufmann. Mit: Dieter Hallervorden, Tatja Seibt, Heike Makatsch, Frederick Lau, Katrin Sass, Katharina Lorenz. Universum 114 Minuten.