Seebestattung von Osama bin Laden Sein Grab ist das Meer

Eine Seebestattung entspricht nicht den Gepflogenheiten und der Begräbniskultur des Islam. Kommt Osama bin Laden trotzdem ins Paradies, weil er als Märtyrer gestorben ist?

Von Karin Gothe

Ob Osama bin Laden im Angesicht des Todes noch Zeit hatte, die Worte "La ilaha illa allah" (Es gibt keinen Gott außer Gott) zu sprechen? Seine Anhänger mag diese Frage umtreiben, denn nach einem überlieferten Ausspruch von Mohammed darf derjenige, der vor seinem Tod das islamische Glaubensbekenntnis spricht, den Paradiesgarten betreten.

Bereits kurz nach seinem Tod erklärten Osama bin Ladens Anhänger, er komme sicher ins Paradies, denn er sei als Märtyrer auf dem Weg des Islam gestorben. Nicht nur das Märtyrertum, nicht nur der gottgefällige Lebenswandel im Diesseits, auch die Prüfungen im Jenseits entscheiden im islamischen Verständnis über Himmel oder Hölle. Und eine Beerdigung nach islamischer Tradition, die den Verstorbenen an die Glaubensgrundsätze erinnern soll, kann dem Toten dabei durchaus helfen.

Diese blieb dem Terroristen Osama bin Laden verwehrt - die Bestattung seines Leichnams durch die ungläubigen Feinde entsprach nicht ganz den islamischen Gepflogenheiten. Die US-Streitkräfte erklärten zwar, Osama bin Ladens Leiche habe eine Begräbniszeremonie im Einklang mit muslimischen Praktiken erhalten: Die Leiche wurde gewaschen, in ein weißes Laken gewickelt, in einen beschwerten Sack gesteckt und anschließend von einem Flugzeugträger aus im Arabischen Meer versenkt. Aber schon sind die ersten Kritiker zu hören, die die Seebestattung für unislamisch erklären.

Dabei ist über die korrekte Bestattung der Gläubigen im Koran nichts zu finden. Die islamischen Begräbnisvorschriften beruhen vielmehr auf Traditionen, die teils auf die Zeit des Ursprungs-Islam in Mekka und Medina zurückgehen, als die Muslime noch in der Wüste lebten. Unüblich ist eine Bestattung zur See im Islam in jedem Fall - Seebestattungen gehörten nicht zum Universum der Beduinen. Sie ist nur im Notfall zugelassen, wenn der Tod auf hoher See eintritt. Den Muslimen ist wichtig, dass der Tote in seiner ganzen Form, also nicht durch Wasser oder Feuer vernichtet, seinem Schöpfer entgegentreten kann.

Wie viele der islamischen Regularien setzen sich auch die Beerdigungsvorschriften aus Überlieferungen von Mohammeds Aussprüchen sowie Interpretationen durch Rechtsgutachten und Traditionen zusammen. Auf die Zeit Mohammeds geht wahrscheinlich auch die Vorschrift zurück, dass ein Toter so rasch wie möglich begraben werden soll - in der Hitze des Hedjaz schreitet die Verwesung schnell voran.

Muslime werden bis heute weltweit traditionell ohne Sarg in anderthalb Metern Tiefe in der Erde bestattet, ihre Körper auf die rechte Seite gedreht und das Gesicht in Richtung Mekka ausgerichtet. Sterben Muslime in der Diaspora, werden die Toten häufig schnellstmöglich in die Heimat geflogen und dort unter die Erde gebracht, wo sie ein ewiges Bleiberecht haben und nicht neben Ungläubigen liegen müssen.

Die Tradition sieht außerdem vor, dass der muslimische Tote möglichst von Verwandten desselben Geschlechts gewaschen und parfümiert wird. Der Tote wird in weiße Leintücher gehüllt - wenn er zeitlebens nach Mekka pilgerte, darf es auch sein Pilgergewand sein. Gemeinsam mit einem Imam wird nun das Gebet gesprochen. Man bittet Gott um Vergebung für den Toten und bittet den Toten, bei Gott Fürsprache für die Lebenden einzulegen.

Lesen Sie weiter auf Seite 2, warum für Mätyrer eigene Bestattungsregeln gelten.

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