Seattle und Kurt Cobain Wunderbare Melancholie

Kurt Cobain bei den MTV Music Awards in Los Angeles im September 1992.

(Foto: Reuters)

Kurt Cobain machte Seattle in aller Welt bekannt. Zwanzig Jahre nach seinem Tod ist die US-Metropole das Gegenteil von dem, was der Grunge-Musiker besang: modern, lebenswert, reich.

Von Jürgen Schmieder, Seattle

Es ist ordentlich was los in Linda's Tavern an diesem Mittwochabend. Es gibt Bier für vier Dollar und drei Mini-Burger für fünf Dollar. An den Holzwänden sind Plakate für Bands angebracht, die bald auftreten werden, in der Mitte steht ein alter Billardtisch. Hin und wieder wirft jemand Geld in die Jukebox, die CDs abspielt. Ein Blick auf die Titelliste verrät, dass die Scheiben seit bestimmt 15 Jahren nicht mehr getauscht wurden. Überhaupt ist Linda's Tavern herrlich abgeranzt und wunderbar dreckig, eine Grunge-Bar zum Wohlfühlen. Hier, in dieser Kneipe auf dem Capitol Hill in Seattle, wurde Kurt Cobain zum letzten Mal lebend gesehen.

Es gibt keine Plakette am Eingang, die darauf hinweist, nicht einmal ein Foto von Kurt Cobain irgendwo an der Wand. Die CDs von Nirvana sind in der Jukebox zu finden, das ist aber auch schon alles. Die Geschichte wird weitergegeben von den Menschen an der Bar, die Bier trinken und Burger essen und die Jukebox bedienen. In zerrissenen Jeans und Chucks, mit Schlabbershirt und Jutejacke habe Cobain am 5. April 1994 ein paar Bier getrunken und die Einladung zu einer Party ausgeschlagen. Das erzählt einer, der an diesem Abend ebenfalls hier war. Danach sei Cobain hinausgegangen. Er habe sich kurz Seattle angesehen, dann sei er verschwunden. Mehr erfährt man nicht. Mehr gibt es nicht zu erzählen. Ja, Cobain war hier, bevor er sich erschoss. Na und?

Wer wissen möchte, wie es damals zuging in Seattle, wie die Evolution einer Stadt einherging mit der Entwicklung einer Musikrichtung, wie die Künstler gespalten waren zwischen Authentizität und kommerziellem Erfolg, der sollte einen Abend mit Bruce Pavitt verbringen. Der 55-Jährige hat einst mit seinem Partner Jonathan Poneman das Label SubPop gegründet. Er hat Nirvana, Mudhoney und Soundgarden entdeckt, und er hat dafür gesorgt, dass diese Stadt im Nordwesten der USA von der Pop-Welt wahrgenommen wurde.

Das ganze Jahr über Herbst

Bruce Pavitt lebt in einem alten Holzhaus, nicht weit von Linda's Tavern entfernt. Die Stufen quietschen bei jedem Schritt bedenklich. Auf der Veranda liegen Rauchutensilien, über dem Eingang hängen kleine Banner mit buddhistischen Sprüchen. Eine Klingel gibt es nicht. Es ist kalt, die Wolken hängen so tief, dass man glaubt, sie mit einem beherzten Sprung erreichen zu können. In Seattle ist ohnehin das ganze Jahr über Herbst, diese wunderbar melancholische Jahreszeit. Die Einwohner sind das gewohnt, sie kleiden sich entsprechend. Pavitt trägt eine dunkle Arbeiterhose, schwarze Stiefel, Schiebermütze.

"Die Kleidung hat zunächst einmal nichts mit der Musik zu tun", sagt er. Was damals als Outfit des Grunge, als Zeichen der Rebellion interpretiert wurde - es war reine Notwendigkeit. Die Menschen von Seattle schufteten beim Flugzeughersteller Boeing oder am Hafen, aufgrund des Wetters war es wichtig, möglichst viele Lagen zu tragen - also zwei Shirts, ein Flanellhemd oder einen dicken Pulli, darüber möglichst noch eine warme Jacke. Dazu Handschuhe, Jutemütze, haltbare Schuhe. Es war nicht das Outfit des Grunge, es war die Kleidung der Einwohner von Seattle.

"Nur der Türsteher, der Barkeeper, mein Partner und ich"

Die jungen Menschen trafen sich damals in Pioneer Square, einem Viertel im Süden von Downtown mit Galerien und schrulligen kleinen Läden. In den zahlreichen Bars spielten die Bands der Stadt, auswärtige kamen kaum einmal nach Seattle. "Durch die Isolation entwickelte sich langsam eine eigene Identität", sagt Pavitt. "Keiner der Musiker glaubte daran, jemals Karriere damit machen zu können." Es sei tatsächlich so romantisch gewesen, wie es klingt: In Ermangelung anderer Freizeitmöglichkeiten beschäftigten sich die Jugendlichen mit dieser wilden, dreckigen und authentischen Musik: mit Grunge. "Sie konnten Risiken eingehen, weil sie nichts zu verlieren hatten und weil nicht jeder Fehler gleich im Internet zu sehen war", sagt Pavitt. Musik war ein Weg für die jungen Menschen, anderen jungen Menschen mitzuteilen, wie beschissen das Leben in Seattle war.

Bruce Pavitt war damals eine der prägenden Figuren in dieser Musikszene, er war Radiomoderator, ihm gehörte ein Plattenladen, er brachte ein Musikmagazin heraus. Am 1. April 1988 gründete er mit Jonathan Poneman das Label SubPop, er war damals gerade 29 Jahre alt. "Wir lebten von der Hand in den Mund und waren nach quasi einem Monat pleite", sagt Pavitt. Er sagt aber auch: "Es war eine magische Zeit." Und ja, in dieser magischen Zeit erfuhr Pavitt von einer Band mit dem Namen Nirvana; sie kam nicht aus Seattle, sondern aus dem zwei Stunden entfernten Aberdeen. Wer Seattle als melancholisch beschreibt, der muss Aberdeen depressiv nennen. Die Band hatte eine Kassette geschickt und sollte nun, Anfang April 1988, in Seattle auftreten.

"Es war 20 Uhr an einem Sonntagabend in Pioneer Square. Nirvana spielte im Central Saloon, sie waren die Vorband von Chemistry Side. Es war niemand da! Nur der Türsteher, der Barkeeper, mein Partner und ich. Die Band starrte während des ganzen Konzerts nur auf ihre Schuhe", sagt Pavitt. "Kurts Stimme war unglaublich. Wir haben beschlossen, eine Single mit zwei Liedern zu veröffentlichen. Eines der Lieder war ein Coversong: ,Love Buzz' von Shocking Blue. Das zeigt, wie schwach das Material von Nirvana damals noch war."