Science-Fiction-Autor Philip K. Dick Seid ihr alle da?

Paranoia und Misstrauen, Kontrolle und Macht: Philip K. Dick stellte stets unsere Realität in Frage. Der US-Kultautor wäre heute 80 Jahre alt geworden.

Von Günther Fischer

Filme wie Ridley Scotts "Blade Runner", Paul Verhoevens "Total Recall", Steven Spielbergs "Minority Report" und John Woos "Paycheck" sind ohne Philip K. Dick nicht denkbar - sie basieren auf seinen Geschichten. Die "Matrix"-Trilogie der Wachowski-Brüder, David Cronenbergs "eXistenZ - Du bist das Spiel" oder auch Peter Weirs "Truman Show" sind zumindest von seinen Ideen und Geschichten inspiriert worden - der Einfluss des US-Autors Philip K. Dick, der heute 80 Jahre alt geworden wäre, auf die Science-Fiction scheint ungebrochen.

Schleichend änderte er unsere Wahrnehmung - dadurch, dass im Zentrum seines Werks in immer neuen Abwandlungen die gleiche Frage stand: Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Dick gestaltete düstere Zukunftsszenarien als Versuchslabor, um die Realität seiner Helden nicht nur in Frage zu stellen, sondern um sie komplett zu dekonstruieren. Er entfaltete ein existenzielles Spiel mit menschlichen Urängsten, das aber auch seinen eigenen Erfahrungen entsprach: Etliche paranoide und schizophrene Phasen soll der Autor durchlebt haben. Dann glaubte er, der KGB und das FBI hätten sich gegen ihn verschworen. Zuletzt hatte er Visionen von Jesus und vom antiken Rom.

Ähnlich wie Stanislaw Lem, der polnische Philosoph, Essayist und Science-Fiction-Autor, dachte Dick stets eine mögliche Zukunft vorweg. Mit dem Unterschied, dass bei Lem die Möglichkeiten der Technik im Vordergrund standen, bei Dick dagegen immer die Psyche und die Wahrnehmungskraft des Menschen. Der Science-Fiction-Szene galt Dick schon lange als Kultfigur, einem größeren Publikum wurde er hingegen erst nach seinem Tod, 1982, bekannt, als Hollywood seine Romane und Erzählungen entdeckte.

Als sein größter Erfolg gilt bis heute "Blade Runner". Ridley Scotts Version des Dick-Romans "Do Androids Dream of Electric Sheep?" kam im Sommer 1982 in die Kinos, nur wenige Monate nach Dicks Tod. Ursprünglich ein Flop bei Publikum und Kritik - immerhin musste der Film gegen Spielbergs "E.T. - Der Außerirdische" antreten -, entwickelte sich der Film später zum stilprägenden Klassiker des Genres. "Blade Runner" geht der Frage nach, was den Mensch zum Menschen macht - und warum Replikanten, künstliche Menschen, über mehr Empathie verfügen als echte Menschen. Letztere sind es, die gefühllos und einsam zurück bleiben.

In "Total Recall", bei seinem Erscheinen zunächst als testosterongeladenes Arnold-Schwarzenegger-Vehikel rezipiert, spielt der Autor virtuos mit Identitäten und dem Problem künstlich implantierter Erinnerungen. In "Minority Report" schließlich soll Precrime, eine Abteilung der Washingtoner Polizei, Morde verhindern, die erst noch geschehen werden - indem die sie potenziellen Mörder schon in der Gegenwart verhaftet.

"Philip K. Dick war immer an den Konsequenzen von Technologie und Wissenschaft interessiert", lobte der MIT-Professor John Underkoffler, wissenschaftlicher Berater bei der Hollywood-Produktion "Minority Report". "Aber Philip K. Dick ging bei seinen Gedanken weiter als die meisten anderen, weil er einer der wenigen Menschen war, die erkannten, dass gute Science-Fiction tatsächlich soziale Science-Fiction ist. Technologie ist eine Reflektion oder ein Echo dessen, was sich gesellschaftlich tatsächlich abspielt. Dick war daran interessiert, wie Technik die Menschen verändert. Ich bin mir nicht sicher, ob er jemals wirklich ein Urteil fällte, aber er wurde nicht müde, Fragen zu stellen. Und deshalb ist seine Arbeit so großartig."

Die Suche nach und das Spiel mit Realität sind in Dicks Texten omnipräsent - und damit auch in den Filmen. "In meinen Texten stelle ich auch das Universum infrage. Ich denke laut darüber nach, ob es real ist, und ich denke laut darüber nach, ob wir alle real sind", beschrieb er selbst seine Arbeit.

Auch deshalb galt Dick zeitweilig als "Drogenautor": Seine Wohnung war fallweise ein Treffpunkt für Dealer und Kleinkriminelle. Diese Erfahrungen verarbeitete der Autor später in dem 2006 verfilmten Roman "A Scanner Darkly - Der dunkle Schirm".

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