Schweizerische Literatur Ungemütlich

In seinem neuen Roman "Der Wille des Volkes" wirft der literarische Tausendsassa Charles Lewinsky einen Blick in die Zukunft der Schweiz. Dafür ist ihm die Form des Krimis gerade recht. Und die der Elegie auch. Sie gilt dem Qualitätsjournalismus.

Von Martin Ebel

Charles Lewinsky ist vielleicht der fleißigste, unstreitig einer der erfolgreichsten, sicher aber der vielseitigste Schriftsteller der Schweiz. Zwischen dem Generationsroman "Melnitz" und der Glosse ist ihm nichts im weiten Reich der Prosa fremd, dazu kommen Theaterstücke, Liedertexte, ein Gotthelf-Musical, ganz zu schweigen von Sitcoms und Fernseh-Shows. Sein letzter Roman "Andersen" liegt gerade ein Jahr zurück. Er ging aus von einem kapital originellen Einfall um einen Nazi-Folterer, der die Chance einer zweiten Lebensrunde erhält und noch aus dem Mutterbauch heraus erzählt, unvermindert böse.

Der neue Roman kombiniert gleich drei Genres zu einem echten Lewinsky-Hybrid. "Der Wille des Volkes" ist ein Krimi, der in einer gar nicht so fernen Zukunft spielt; dazu kommt als drittes Element ein elegischer Abgesang auf den Qualitätsjournalismus, vorgetragen von Kurt Weilemann, einem pensionierten Vertreter der Zunft, einst preisgekrönter Rechercheur und jetzt nur noch dann und wann gefragt für einen Nachruf. "Sie haben den ja noch gekannt. Aber nicht über tausend Zeichen", verlangt dann einer von den jungen Schnöseln, die googlen statt zu recherchieren.

Die Medienzukunft ist düster, zwar gibt es noch Zeitungen auf Papier, aber keine Austräger mehr. Und wenn man hüftsteif ist wie der 70-jährige Held, muss man sein Blatt am Bildschirm lesen, "und das war ja nun wirklich, als ob man eine Frau durch so einen hygienischen Mundschutz hindurch küssen würde". Politisch wird die Schweiz von einer einzigen Partei regiert: Die "Eidgenössischen Demokraten", noch weiter rechtsstehend als heute Christoph Blochers Schweizer Volkspartei, stellen sechs Bundesräte (so heißen in der Schweiz die Minister), den siebten Sitz lassen die Sozialdemokraten, denen er zusteht, vakant, aus Protest. Das Land hat nach einer Volksabstimmung unter dem Tellschen Motto "Der Starke ist am mächtigsten allein" alle EU-Verträge gekündigt und leidet seitdem unter beträchtlicher Arbeitslosigkeit. Ein ständig steigendes Bedürfnis nach Sicherheit hat einen Überwachungsstaat hervorgebracht, mit "Hipos" (=Hilfspolizisten), die auf alltägliche Verfehlungen lauern, und einer neuen allwissenden Behörde, dem "Ordnungsamt".

Das kann nicht nur Handys orten und tut das auch bei Bedarf, es weiß auch über jede Fahrt mit Bus oder Bahn und den TV-Konsum der Bürger exakt Bescheid. Und wenn es Not tut, etwa um eine Untat der Herrschenden zu decken, lässt es auch morden. Natürlich heimlich. Ganz öffentlich läuft gerade eine Kampagne zur Einführung der Todesstrafe an.

Gestorben - exekutiert? - ist Felix Derendinger, ein ebenfalls pensionierter Kollege der Hauptfigur Weilemann. Derendinger war einer "großen Sache" auf der Spur und gibt posthum den Staffelstab an Weilemann weiter. Der gehört zu der Sorte etwas tüddeliger Grantler, die man einfach mögen muss. Weil er zwar jammert, sich das aber sofort wieder verbietet. Weil sein scharfer Blick auf Schwächen und Missstände zuallererst auf sich selbst fällt. Und weil er Sprachgefühl hat - eine Fähigkeit, die seinen jungen Kollegen verloren gegangen ist. Immer wieder ertappt er sich selbst bei stereotypischen Wendungen oder fragt sich, woher eine Metapher kommt und ob sie an dieser Stelle wirklich zutrifft.

So einer muss sich fremd fühlen in einer oberflächlich gewordenen Welt. Aber auch wenn er das Recherchieren einmal gekonnt hat, mit der dreifachen Aufgabe, Derendingers Tod aufzuklären, herauszufinden, was die "große Sache" war, und dabei das Überwachungssystem zu unterlaufen, ist er klar überfordert. Und die Kombination: älterer, etwas umständlicher und gern die Gedanken umherschweifen lassender Journalist plus Staatsverbrechen erweist sich als Bürde für den Roman. Ein Krimi muss irgendwann Tempo aufnehmen. Dieser hier bewegt sich so gemächlich wie sein gelenkgeschädigter Held. Dazu hat Autor Lewinsky im letzten Drittel des Buches sichtlich das Interesse an der Intrige und ihrer Aufklärung verloren, und seine Sprache funkelt und glänzt nicht genug, um Längen und Langsamkeit zu überdecken.

So bleibt, neben dem anachronistischen Helden, der Reiz des Zukunftsszenarios. Vor allem für Landsleute des Autors. Denn dies ist auch ein sehr schweizerisches Buch, in dem manche Begriffe und Abkürzungen (wie AHV - das ist die Rentenversicherung) deutschen Lesern unverständlich bleiben. 2013 hat Charles Lewinsky schon ein Buch "Schweizen" mit 24 Zukünften vorgelegt. In einer liegt SVP-Patriarch Blocher in einem riesigen Mausoleum aufgebahrt. In diesem Krimi, einer 25. Zukunft, dämmert der Gründervater der "Eidgenössischen Demokraten" dem Tode entgegen, mit einer Leiche im Keller, die ungehoben bleibt. Journalist Weilemann hätte diese Metapher wohl bemängelt. Vielleicht auch den Titel. Der große Vorsitzende trägt nämlich den Namen Wille, was in der Schweiz einen besonderen Beiklang hat: Ulrich Wille schlug 1918 den Generalstreik der Schweizer Arbeiter militärisch nieder. "Der Wille des Volkes" ist immerhin ein hübscher Kalauer.

Charles Lewinsky: Der Wille des Volkes. Kriminalroman. Verlag Nagel & Kimche, Zürich 2017. 384 Seiten, 24 Euro. E-Book 17,99 Euro.