Schriftstellerin Harper Lee - die Nachtigall wird nie wieder singen

Harper Lee, lange ein One-Hit-Wonder der Literatur.

(Foto: picture alliance / AP Photo)

Mit einem einzigen Roman wurde Harper Lee weltberühmt. Zum Tode der wohl bekanntesten Unbekannten der Literatur.

Nachruf von Christopher Schmidt

Ein einziges Buch hatte sie weltberühmt gemacht. Für ihren Südstaaten-Roman "Wer die Nachtigall stört", 1962 verfilmt mit Gregory Peck, erhielt Harper Lee 1961 den Pulitzerpreis für Literatur.

Lee wurde als jüngstes von vier Kindern in Monroeville, im US-Bundesstaat Alabama geboren, ihr Vater war Anwalt. Es gehört zu den Ironien der Zeitgeschichte, das sie dort fast Tür an Tür mit einem anderen Stern der amerikanischen Literatur aufwuchs, Truman Capote, der zwischen 1930 und 1932 die Sommerferien bei seiner Großmutter in Monroeville verbrachte und zu Lees Spielkameraden zählte. Nach einem abgebrochenen Studium an der University of Alabama ging Harper Lee 1949 nach New York, wo sie zunächst in einer Buchhandlung, später für eine Fluggesellschaft arbeitete und Truman Capote wiedertraf. Durch ihn knüpfte sie Kontakte zur literarischen Szene der Stadt, denn neben ihrem Brotjob widmete sie sich ihrer eigentlichen Berufung: der Schriftstellerei.

Phantom und Sternschnuppe

1960 erschien ihr erster und lange Zeit einziger Roman "To Kill a Mockingbird" (Wer die Nachtigall stört), dessen zentrales Thema der Gerichtsprozess um einen Schwarzen ist, der beschuldigt wird, eine Weiße vergewaltigt zu haben. Als Vorlage diente ein authentischer Fall aus dem Jahr 1933. Hervorgegangen war der Roman aus einer Reihe von Kurzgeschichten, die Harper Lee bereits 1957 eingereicht hatte, vom Verlag jedoch abgelehnt worden waren. Sie folgte daraufhin dem Rat des Verlegers J.B. Lippincott und arbeitete das Manuskript zu dem Roman um, der rasch die Herzen der Leser auf der ganzen Welt eroberte. Schon 1962 wurde der Stoff zu einem Film, der drei Oscars erhielt.

Doch Harper Lee zog sich trotz des Erfolgs aus der Öffentlichkeit zurück und wurde zu der wohl bekanntesten Unbekannten der Literatur, ein Phantom und eine Sternschnuppe, von der niemand wusste, ob sie das Schreiben ganz aufgegeben hatte. Statt sich eigenen Büchern zu widmen, unterstützte sie zunächst Truman Capote bei den Recherchen zu seinem Roman "Kaltblütig", der seinerseits für sich in Anspruch genommen hat, dass Teile ihres Romans aus seiner Feder stammten.

Nach einem Schlaganfall 2007 kehrte sie endgültig in ihre Heimatstadt zurück, pflegte ihre kranke Schwester und lebte die letzten Jahre über zurückgezogen in einem Altersheim. 2015 gelang Harper Lee jedoch ein völlig überraschendes Comeback, als ihr Verlag die Veröffentlichung eines zweiten Romans unter dem Titel "Go Set A Watchman" (deutsch: "Gehe hin, stelle einen Wächter") ankündigte. Diese sensationelle Nachricht machte sie zum ältesten It-Girl im Literaturzirkus. Allerdings handelte es sich bei dem Buch um keinen neuen Text, sondern um eine frühe Fassung ihres ersten Romans, dessen Handlung zwanzig Jahre nach der erzählten Zeit von "Wer die Nachtigall stört" angesiedelt ist und den Sympathieträger Atticus Finch als durchaus anfechtbare Figur zeigt.

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In der Endfassung ist er der tapfere Anwalt, der selbstlos und mit fast übermenschlicher Zivilcourage die Verteidigung eines Schwarzen übernimmt und damit den rassistischen Lynchmob gegen sich aufbringt. In "Gehe hin, stelle einen Wächter" bekommt dieses Bild einige Schrammen, stellt sich doch heraus, dass Finch die Vorurteile seiner Umwelt bis zu einem gewissen Grad teilt. Für viele Leser war diese Zerstörung einer Ikone ein Schock, eine desillusionierende Enthüllung über eine Figur, die so lange Inbild der moralischen Unfehlbarkeit und Integrität gewesen war.

Das Manuskript dieses Vorläuferromans hatte jahrzehntelang als verschollen gegolten und war angeblich erst 2014 wieder in Harper Lees Archiv aufgetaucht. Hartnäckig halten sich Gerüchte, dass es sich bei dieser Version der Geschichte um einen sorgfältig inszenierten PR-Coup gehandelt habe. Das allerdings macht die literarische Wiedergeburt einer Autorin, die seit mehr als vier Jahrzenten verstummt war, nur um so rätselhafter. Harper Lee war eine lebende Legende und ein faszinierender Solitär der Literatur, um deren Lebensgeheimnis sich viele Fantasien rankten. Nun ist sie, wie die Stadtverwaltung von Monroeville bestätigt hat, im Alter von 89 Jahren gestorben. Die Nachtigall wird nie wieder singen.

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