Warum der türkischstämmige Feridun Zaimoglu sich auf Weihnachten freut, es aber trotzdem gut findet, dass seine Eltern das christliche Fest nie gefeiert haben.
SZ: Haben Sie ein Lieblingsweihnachtslied?
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Der türkischstämmige Schriftsteller Feridun Zaimoglu, Jahrgang 1964, liebt die Lichter an Weihnachten und nimmt auch sonst jedes frohe Fest mit in diesen trüben Zeiten. (© Foto: dpa)
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Feridun Zaimoglu: "Stille Nacht, Heilige Nacht".
SZ: Ach, das ist aber nicht sehr originell.
Zaimoglu: Ich weiß, aber ich liebe es.
SZ: Sie kennen aber auch andere? Es ist nicht zufällig Ihr Lieblingslied, weil es das einzige ist, das Sie kennen?
Zaimoglu: Ich kenne viele andere Weihnachtslieder. Aber ich mag dieses alte schöne Lied "Stille Nacht, Heilige Nacht". Ich kann mir nicht helfen. Heute war ich auf der Fußgängerzone in Kiel, und natürlich haben sich da zwei süße Mäuschen hingestellt und dieses Lied geträllert, und was soll ich sagen: Ich blieb stehen. Es gibt kein anderes Lied, das so ans Herz geht.
SZ: Welche Rolle hat Weihnachten bei Ihnen in der Kindheit gespielt?
Zaimoglu: Weihnachten war für mich zunächst einmal der Heiden-Zirkus der türkischen Liberalen. Die, die auf die anatolischen Sitten und Gebräuche herabschauten, stellten dann so eine Bonsai-Tanne mit Christkugeln in die Wohnung, und mir war klar: Das sind die Freidenker, und ich mag sie nicht.
SZ: Waren das auch die Oberanpasser?
Zaimoglu: Es waren im Grunde genommen eigenartige Menschen. Sie waren nicht einmal gut in der Imitation, in der sie sich tagein tagaus übten. Es ging ihnen mehr als nur um Anpassung. Es ging ihnen darum, dass man ihnen die Freude weithin ansehen sollte über ein christliches Fest. Das waren meist sehr autoritäre Frauen, die immer gern bereit waren, draufloszubelfern, wo immer sie einen Regelverstoß witterten. Und bei diesen Frauen sah ich stets die besagte Tanne. Und ich musste die Tanne dann gut finden, obwohl ich sie gar nicht gut fand.
SZ: In welchem Sinne erwarteten diese Frauen, dass Sie die Tanne gut finden?
Zaimoglu: Die Tanne war für sie zwar nicht der Baum der Erkenntnis, aber der Baum der Gut-Werdung. Man konnte in Deutschland als Türkischstämmiger nur gut werden, wenn man auch die entsprechenden Zeichen aufstellte. Die Wohnung war ein Schauraum, und die Tanne ein Ausstellungsstück.
SZ: Aber in der Wohnung Ihrer Eltern gab es keinen Tannenbaum?
Zaimoglu: Ich liebe meine Mutter und meinen Vater dafür, dass sie meine Schwester und mich nicht damit gequält haben, denn die Tanne wäre ein Fremdkörper gewesen. Wir haben uns ja in Deutschland relativ frei bewegt. Deutschland war kein Dschungel. Wir mussten uns nicht mit fremden Insignien schmücken. Wir konnten uns natürlich verhalten, und dafür war ich dankbar. Es fiel mir dann allerdings doch auf, dass wir nicht nur keine Tanne hatten, sondern dass auch der Gabentisch fehlte.
Warum Zaimoglu als Kind unter Jahresenddepression litt, lesen Sie auf Seite 2.
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