Roy Black findet er jetzt gut - für eine solche Einschätzung hätte ihm der Buddy-Holly-Fan Wolfgang Welt vor 25 Jahren Prügel angedroht. Er weiß das natürlich und grinst jetzt. Im Grunde hat sich Wolfgang Welt wahrscheinlich nie wirklich für die Musik interessiert. Aber im Gegensatz zu heute konnte man damals wenigstens noch vom Schreiben leben oder sogar bei etablierten Blättern Karriere machen, wenn man Ambitionen und eine interessante Haltung besaß. Nur hatte Wolfgang Welt so etwas nie. Sein einziger Antrieb für den Journalismus waren entweder das dringend benötigte Zeilengeld, das er sich mit seinem manischen Schreibstil schnell verdiente, oder die vage Chance darauf, vielleicht irgendeine Frau mit den Texten beeindrucken zu können.
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Seltsam unambitioniert
Wolfgang Welt dreht sich schnell auf seinem Bürostuhl im Kreis, springt auf und rennt auf den Gang, wie er es häufig macht, wenn ihn etwas aufregt. Etwa die Geschichte mit Suhrkamp. Denn sein Roman wurde abgelehnt, nachdem sich sein Lektor ein Jahr Auszeit genommen hatte. Vielleicht hatte man damals noch Probleme, wenn der erste Satz eines Romans lautete: "Etwa zwei Jahre nach unserer ersten Begegnung machte mir Sabine am Telefon Aussicht auf einen Fick, allerdings nicht mit ihr selber, sondern mit ihrer jüngeren Schwester." Oder verstand es nicht, wenn sich der Rest des Romans atemlos um Fußball, seine große unerfüllte Liebe Ute ("Die soll sich mal melden, wenn sie das in der Zeitung liest"), und sein Lebensidol Buddy Holly drehte.
Wolfgang Welt schreibt in streng chronologischer Reihenfolge sprachlich seltsam unambitioniert sein Leben fort; einfach alles, was ihm gerade einfällt. Den besonderen Reiz bekommen seine Texte dadurch, dass Welt genauso ungerührt von seiner sexuellen Frustration erzählt wie vom Fußball, von seinen Anfällen ebenso offen wie von seinen Nachtwächtertouren. Doch als der Roman dann im Konkret Literatur-Verlag erschien, wurde er von seinem einstigen Förderer Diedrich Diederichsen in Spex verrissen.
Das Scheitern ignorieren
Fragt man Diederichsen heute, was er von Wolfgang Welt hält, sagt er, es sei Wolfgang Welts literarische Leistung gewesen, als einer der Ersten das eigene Nerd- und Fantum zu stilisieren. Doch dieser Vorteil, das Ungeschützte, Unbearbeitete aus Wolfgang Welts Texten sei zum Nachteil geworden. Wenn sich dieser Verriss damals zu einem Eckpunkt in der Biographie Wolfgang Welts entwickelt habe, tue ihm das aber leid. Denn, und das sagt Diederichsen nicht, jetzt stellt sich die Frage, ob es für den Schriftsteller Wolfgang Welt nicht einfach zu spät ist.
Den Kontakt zum Journalismus hat er schon längst verloren. Vor ein paar Jahren beschrieb er noch mal in einem Text für eine Sonntagszeitung, wie er mit dem Rauchen aufgehört hat. Und damit hatte sich das. Es gehört wahrscheinlich zu den Stärken Wolfgang Welts, aus all diesen Katastrophen seines Schreiberlebens eine stoische Grundhaltung entwickelt zu haben. Oder wie soll man sonst damit umgehen, wenn man merkt, dass es nicht mehr klappen wird mit der Schreiberkarriere? "Ja, gar nicht", sagt Wolfgang Welt.
"Wir haben noch gar nicht über den Wahnsinn geredet"
Halb eins. Warten. Bisher hat Wolfgang Welt nur Schlüssel entgegengenommen und Radio gehört. Erst wenn alle das Schauspiel verlassen haben, kann er seinen Rundgang machen. Bis dahin muss er sich auf dem Bürostuhl eben um sich selbst drehen. Das sei natürlich keine Arbeit, erklärt Wolfgang Welt, aber ihm ist ein Job, der ihn unterfordert, immer noch lieber als eine anstrengende Arbeit: "Wer nimmt denn einen wie mich noch mit 55?"
Er überlegt nicht lange, ob es richtig ist, dem anderen etwas zu erzählen. Weder in der Literatur noch im Leben. "Jetzt haben wir noch gar nicht über den Wahnsinn geredet", sagt er irgendwann unvermittelt. Tja, nein. Aber wir müssen ja: Denn das schnelle Popautorleben, die vielen Reisen und die durchschriebenen Nächte waren nur Symptome einer manischen Depression. Es endete damit, dass sich Wolfgang Welt eines Tages für J.R. Ewing hielt und in die Psychiatrie eingewiesen wurde.
In "Doris hilft" erzählt er von der Zeit danach, als das Pop-Establishment ihn als Verrückten schon verabschiedet hatte, und er komplett den Faden verlor, da sich neben der manischen Depression auch noch eine schizoide Persönlichkeitsstörung entwickelt hatte. Er hielt sich für Vater Beimer und für Stevie Wonder, nur blind sei er nicht gewesen. Es folgten wieder acht Wochen Psychiatrie. Seitdem muss er nicht nur Lithium, sondern auch das Neuroleptikum Haldol nehmen, das als unangenehmen Nebeneffekt einen dauerhaften Dämmerzustand erzeugt. 1999 setzte er die Tabletten mal ab. Wieder acht Wochen Psychiatrie und dann die doppelte Dosis Haldol.
So spannend wie die Tagesschau von vor 20 Jahren
Um zwanzig nach eins machen wir endlich den Rundgang. Türen kontrollieren, Lichter ausmachen, Fenster schließen. Nachtwächter im Schauspiel Bochum ist wahrscheinlich der langweiligste Job der Welt. Wolfgang Welt ist hier noch nie etwas passiert: keine Einbrecher, kein Brand, nur mal ein Intendant, der auf der Couch in seinem Büro schlafen musste, weil ihn seine Frau rausgeschmissen hatte. Um halb drei sind wir fertig. Dann gibt es, außer die Tagesschau von vor 20 Jahren im Fernsehen zu gucken, nichts mehr zu tun. Auf unseren Bürostühlen dämmern wir immer mal wieder weg, wahrscheinlich wegen der drei Bier.
Die Schicht endet um halb sechs. Die Putzfrauen kommen, und es ist nicht ganz klar, was jetzt aus Wolfgang Welt wird. Er hat die Hoffnung, vom Schreiben leben zu können. Seit einem Jahr hat er aber keine Zeile mehr geschrieben. "Ich weiß nicht, ob da noch was kommt", sagt er. Wenn es mit "Doris hilft" nicht klappt, wird er auch die nächsten zehn Jahre nachts im Schauspielhaus an der Pforte sitzen. Wenn der Nachtportier Wolfgang Welt dann in Rente geht, wird er Hartz IV beantragen müssen. Fragt man ihn dann, ob sich das alles trotzdem aus seiner Sicht auf irgendeine Art doch gelohnt habe, sagt er nur, man könne ja sehen, wo er gelandet sei. In "Doris hilft" steht der schöne Satz "Vielleicht war ja mein Leben das Buch und brauchte nicht mehr geschrieben werden."
Es bleibt die Hoffnung, dass dieser Satz, so schön er klingt, falsch ist.
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(SZaW vom 07./08.02.2009/holz)
Voreiliges Buch "Der Pott ist dahoam"