"Pop" hat ja immer eine Antithese zur hochkulturellen Tradition gebildet; es ging um das Wegwischen von Geschichte. Doch für Goetz gilt mittlerweile eher das Gegenteil: Unter den zeitgenössischen Schriftstellern ist er derjenige, der mit unvergleichlichem Ernst die ästhetischen und poetologischen Fragen der letzten zweihundert Jahre weiterdenkt und auf die Gegenwart hin befragt.
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Besonders anschaulich wird diese Eingebundenheit in die literarische Tradition an seiner Konzeption des dichterischen "Werks". Der brüchige Status dieser Kategorie ist mittlerweile im letzten Germanistik-Proseminar zum Allgemeinplatz geworden; Goetz jedoch fügt, wie man auf dem Deckblatt seiner Bücher nachlesen kann, alle bisherigen Veröffentlichungen zu einer Art natürlichem Stammbaum zusammen, von "1. Irre, Roman" bis zu "Loslabern", dem zweiten Teil des sechsten Werkzyklus namens "Schlucht".
Konjunktur des Konventionellen
Mit dieser Ordnung ist nicht zuletzt die Vorstellung verbunden, dass es im Werk des Autors nichts Zerstreutes oder Marginales geben möge. Alles ist gleich weit vom heißen Kern des Schreibens entfernt - eine Idee, die Rainald Goetz einmal mit den Worten postuliert hat: "Für mich ist jede Interviewäußerung gleich wichtig wie die heiligste Zeile in einem poetischen Werk."
In der deutschsprachigen Erzählliteratur herrscht seit zehn, fünfzehn Jahren eine merkwürdige Konjunktur des Konventionellen. Die "Lesbarkeit" von Romanen ist oberstes Gebot; unablässig kursieren in der Kritik wie im Buchhandel die traurigen Reden von der Notwendigkeit "überzeugender Plots" und "anschaulich gemachter Figuren". Dem immergleichen Diktum folgend, dass die angelsächsische Literatur die versiertere Erzählkunst hervorbringt, erscheinen Jahr für Jahr dieselben Baukasten-Romane, geschrieben von selbstgewissen Literaturinstituts-Absolventen, die ihr Handwerk gelernt haben und eine Geschichte flüssig erzählen können.
Rainald Goetz ist zweifellos einer der ganz wenigen Autoren, die an einem vollkommen anderen Verständnis von Literatur festhalten, an einem Schreiben, das die Nahtstellen zwischen Erfahrung und Text ständig freilegt, das die Reflexion über das Schreiben immer schon enthält (in "Loslabern" nennt er das seine "all-in-one-Literatur"). Die Frage "Wie schreiben?" durchzieht jede Zeile seiner Bücher.
Nichts über Kindheit, Familie, Liebe
Von dieser Selbstbefragung aus sind auch die auffälligen thematischen Leerstellen in Goetz' Büchern zu verstehen - nichts über Kindheit, Familie, Liebe; ausgeblendet gerade die vertrautesten Sujets der Erzählliteratur. Es hängt mit Goetz' tiefen Skrupeln gegenüber verbrauchten, falsch konnotierten Sprachsphären zusammen, dass diese Lücken weiterhin bestehen. Ein heutiger Proust klänge zwangsläufig wie Cosmopolitan, heißt es in seinem Buch "Klage" einmal, und in einem Interview fällt der Satz: "Die Welt der Seele ist komplett zugemüllt von den gepanzerten Standards der Frauenzeitschriften-Welt."
In "Klage" gibt es einige ergreifende Passagen, in denen deutlich wird, dass Rainald Goetz in den Jahren zwischen 2000 und 2007, in denen er nichts veröffentlichte, vergeblich versucht hat, einen Familienroman zu schreiben. Und es ist beinahe von trauriger Folgerichtigkeit, dass ein Schriftsteller, der sich wie kein Zweiter mit dem Problem der Schreibweise auseinandersetzt, an dem Projekt, einen "möglichst traditionell erzählerischen Roman" zu verfassen, am Ende scheitert.
Wenn der Eindruck nicht täuscht, gibt es nur einen einzigen, ganz frühen Text von Rainald Goetz, in dem er über längere Passagen hinweg seine eigene Kindheit und Familie zum Thema macht, die großartigen Aufzeichnungen "Der macht seinen Weg" in einem Kursbuch zum Thema "Jugend" von 1978.
Untrennbar verbunden mit dem "Wie schreiben?" ist schließlich eine zweite Frage, die immer wieder die Texte von Goetz bestimmt: das Problem der Position des Autors. "Pop-Literatur" hieß ja immer auch, dass sie von Leuten gemacht wird, die von drinnen berichten, die integraler Teil jener Partys, Empfänge, Premieren sind, über die sie schreiben.
Romantische Rückzugsphantasien
Die Ambition, auf dem neuesten Stand zu sein, so informiert wie möglich zu bleiben, ist bei Rainald Goetz weiterhin zu spüren. Doch das Interessante an seiner Literatur besteht gerade darin, dass sich diese Ambition mit einer Emphase des Draußen vereint, mit jenen fast romantischen Rückzugsphantasien, welche ihn in die Nähe von Schriftstellern rücken, die im Spektrum der deutschen Literatur seit langem am anderen Ende des Pop stehen.
Nicht umsonst sind es immer wieder zwei Namen, die in "Abfall für alle", "Klage" und "Loslabern" fallen: Peter Handke und Botho Strauß. "Auf der Suche nach einer nichtlächerlichen Autorposition" landet Goetz regelmäßig bei diesen beiden Schriftstellern, und es ist erkennbar, dass der Handke vor Ende der siebziger, der Strauß vor Mitte der achtziger Jahre entscheidende Orientierungspunkte für ihn sind.
Den späteren Weg dieser Autoren, von den großstädtischen Literatur- und Theatermilieus in den Rückzug, in die französischen und uckermärkischen Wälder, kommentiert Goetz an zahlreichen Stellen mit aller Häme, nennt diese Entscheidung "Schwachsinn", "Privatroman", "Reden mit Pilzen und Bäumen".
Aus der Hartnäckigkeit aber, mit der er diese beiden Biographien in seinen neueren Büchern verfolgt, spricht auch eine große Nähe. Die Radikalität der künstlerischen Existenz, um die es ihm geht, findet in diesen beiden Figuren ein so faszinierendes wie verachtenswertes Lebensmodell. Manchmal scheint es fast, als wäre die Wucht, mit der sich der nun 55-Jährige Rainald Goetz weiterhin Nacht für Nacht in die Gegenwart wirft, von der Ahnung getrieben, dass er, wenn er sich nur ein wenig gehen ließe, auch lieber Pilze sammeln würde.
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(SZaW vom 10.10.2009/jobr)
...auch wenn ein Text so anfängt : "...bewegt sich im Spannungsfeld zwischen..." les' ich nicht weiter.