SZ: Wenn eine jüdische Familie ...
Anzeige
Biller: ... die aus Russland stammt ...
SZ: ... christliche Weihnachten feiert, ist es dann eher ein christlich-implosives Familienfest oder ein jüdisch-entspanntes?
Biller: Gute Frage, aber ich kann mich wirklich nicht mehr erinnern. Bei uns gab es immer Stress, warum also nicht auch zu Weihnachten?
SZ: Nun ist Weihnachten doch vor allem deshalb ein Fest mit so hohem Seelenwallungswert, weil man sich dabei an seine Kindheit erinnert. Gibt es bei Ihnen auch so einen nostalgischen Affekt? Wird es Ihnen auch warm ums Herz, wenn Weihnachten wieder näher rückt?
Biller: Nein, einfach nein und nein und nein. Immerhin war ich 12, als wir aufgehört haben, Weihnachten zu feiern. Mir wird nicht warm ums Herz, sondern leicht, weil ich weiß, dass ich paar tolle freie Tage zum Arbeiten haben werde. Und je nachdem wie nah ich meinen nicht-jüdischen Freunden bin, merke ich, ob mich deren Stress stresst.
SZ: Und wie reagieren Sie, wenn Ihre nicht-jüdischen Freunde Sie zu Weihnachten unter ihren Tannenbaum einladen?
Biller: Dass es keinen Tag gibt, an dem ich so ungerne Nicht-Juden sehe wie an Weihnachten. Das ist natürlich Larry-David-Humor: Hart, aber unherzlich. Ich habe mich gerade mit einem türkischen Freund verabredet, dass wir an Heiligabend in Kreuzberg essen gehen.
SZ: Ach so, und in Kreuzberg haben dann die türkischen Läden auf? Das ist ja praktisch.
Biller: Genau. In Kreuzberg merkt man nicht, dass Weihnachten ist, und das ist schön. Denn dass das Leben so erstirbt an Weihnachten, das ist ja auch traurig. Ein bisschen ist es so wie Yom Kippur für die Juden: Der Sabbat der Sabbate. Weihnachten ist der Sonntag der Sonntage. Und wir wissen ja, wie Leute sich an Sonntagen fühlen.
SZ: Also ich, ehrlich gesagt, freue mich jetzt total auf die Ruhe der Feiertage.
Biller: Klar, wenn es sie gibt. Und es gibt sicher Familien, bei denen es einfach super ist. Wäre schön, wenn Weihnachten bei allen Familien super wäre. Dann wäre es für mich auch super.
SZ: Bei uns ist es super. Vielleicht sollte ich Sie mal zu meiner Mutter und mir einladen?
Biller: Wo wohnen Sie?
SZ: Heidelberg.
Biller: Super. Heidelberg, eine deutschere Stadt gibt es gar nicht. Bitte, erklären Sie mir doch Weihnachten?
SZ: Ich?
Biller: Ja, können Sie das nicht?
SZ: Das Leben braucht Rituale. Und je stärker die Rituale in der Kindheit verwurzelt sind, desto überzeugender wirken sie in unserem Seelenhaushalt. Kein Fest ist so tief in unserer Kinderseele verwurzelt wie Weihnachten.
Biller: Das ist gut, dass mir das endlich jemand erklärt hat. Aber was hat das Ritual für einen Inhalt? Wenn Sie Pessach feiern als Jude, dann lesen sie einmal im Jahr den Satz: "Wir waren Sklaven in Ägypten." Und wir werden immer wieder in diese Scheiße geraten und wir werden trotzdem versuchen, aus ihr rauszukommen, und unser Traum wird immer sein, nach Israel zurückzukehren, und hoffentlich wird er nicht wahr, weil in Berlin und New York ist es viel schöner.
SZ: Und wir lesen immer die Weihnachtsgeschichte aus dem Lukas-Evangelium, und da steckt dann die Vorstellung dahinter, dass eine arme schwangere Frau an der Herberge anklopft und abgewiesen wird und dann im Stall bei Kühen und Schafen niederkommt.
Biller: Und was sagt Ihnen das für Ihr Leben?
SZ: Hm. Vielleicht, dass das Niedrigste erhöht werden kann.
Biller: Das klingt für mich wie ein deutsches Theaterstück.
SZ: Verstehen Sie keine deutschen Theaterstücke?
Biller: Nein. Das klingt sehr masochistisch. Vielleicht müssen sich ja deshalb die Christen an Weihnachten so viel Schmerz zufügen - damit es ihnen geht wie Jesus.
SZ: Das ist nicht masochistisch. Das meint, dass Gottes Gnade auch bei den Geringsten angekommen ist. Auch bei den Schwachen. Anders als in der griechisch-römischen Götterwelt, in der der ohnehin Starke und Siegreiche erhöht und vergöttlicht wird.
Biller: Ich verstehe. Weihnachten ist also das Fest der Demütigen, die sagen, Demut ist okay, denn nur der Demütige wird erlöst? Das ist ja ein trauriger Kern für dieses Fest.
SZ: Nein, ein freudvoller, denn er meint, dass alle erlöst werden können.
Biller: Also ich möchte lieber als Starker erlöst werden denn als Schwacher.
SZ: Da bin ich dann wieder auf Ihrer Seite. Haben Sie ein Lieblingsweihnachtslied?
Biller: Ja, aber es ist Tschechisch. Das könnte ich Ihnen jetzt vorsingen. (Singt) Vanoce, vanoce, prichazeji, stastne a vesele... Weihnachten, Weihnachten kommt, glücklich und fröhlich, und so weiter.
SZ: Gibt es ein jüdisches Fest, zu dem Sie nicht-jüdische Freunde einladen?
Biller: Nein, ja, keine Ahnung. Ich muss sagen, je älter ich werde, desto mehr verachte ich Gott. Deshalb mache ich um all das einen großen Bogen. Aber an Chanukka gehe ich trotzdem mit meiner Tochter zu Freunden.
Sie sind jetzt auf Seite 2 von 2
(SZ vom 24.12.2008/gal)
Partyzone Flußufer