Schriftsteller Doğan Akhanlı Einer, der sogar versucht, seine Folterer zu verstehen

Trotz aller Demütigungen glaubt Doğan Akhanlı an die Kraft des Dialogs und der Empathie.

(Foto: Peter Zschunke/dpa)

In seinem neuen Buch erzählt Doğan Akhanlı von seiner Verhaftung in Spanien, türkischen Gefängnissen und von seiner Hoffnung auf Dialog.

Von Thomas Urban

Keineswegs hatte Doğan Akhanlı eine Begegnung mit der maurischen Kultur im Sinn, als er im vergangenen Sommer für zwei Wochen Urlaub nach Granada flog, die Stadt der Alhambra. Vielmehr wollte er gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin, auch sie eine Türkin mit deutschem Pass, ausspannen. Gleich nach ihrer Ankunft am 16. August beschlossen sie, auf den Spuren des Dichters Federico García Lorca zu wandeln. Er war ihnen vertraut, ein großer spanischer Linksintellektueller, dem sie sich selbst nahe sehen. Das Datum war ein Zufall: Vermutlich Mitglieder der faschistischen Falange haben den mit der linken Volksfront sympathisierenden Dichter am 16. August 1936 festgenommen und drei Tage später unweit von Granada erschossen. Nach dem Massengrab, in dem die Mörder ihre Opfer verscharrten, wird bis heute gesucht.

Er scheint ein unverbesserlicher Optimist zu sein, der an die Kraft des Dialogs glaubt

Doch der deutsch-türkische Schriftsteller kam nur dazu, das Lorca-Museum in Granada zu besuchen. Dann wurde er von der spanischen Polizei festgenommen und mit Handschellen abgeführt. Es war der 19. August, der Todestag des großen Dichters. Nach dem ersten Schock erfuhr Akhanlı schnell den Grund: Die türkischen Behörden hatten ihn über Interpol zur Fahndung ausgeschrieben, wegen seiner angeblichen Teilnahme an einem Raubüberfall, den eine linksextreme Terroristengruppe vor 27 Jahren begangen haben soll. Zur weiteren Untersuchung wurde er nach einem Tag im Polizeiwagen, ebenfalls in Handschellen, nach Madrid gebracht, die Fahrt führte an den Dörfern vorbei, in denen sich die Spuren Lorcas verloren.

Da er deutscher Staatsbürger ist, schaltete sich sofort die Botschaft der Bundesrepublik ein. So kam er wenige Tage nach seiner Verhaftung frei. Doch musste er zwei Monate in Madrid bleiben, bis ein spanisches Gericht das Auslieferungsbegehren der Türken zurückwies. Er bezog das Gästezimmer des Goethe-Instituts gleich neben der Botschaft und beschloss, ein Buch über seine Erfahrungen in Gefängnissen und seine Gedanken zu Gewalt in der Politik zu schreiben.

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Das erste Mal kam er 1975 in der Türkei hinter Gitter, er war 18 Jahre alt. Er war aufgefallen, weil er eine linksgerichtete Zeitung gekauft hatte. Fünf Monate blieb er in Untersuchungshaft, wieder in Freiheit schloss er sich der illegalen Revolutionären Kommunistischen Partei an. Nach dem Militärputsch von 1980 ging er in den Untergrund. Mit seiner Frau Ayse fand er Unterschlupf und Arbeit bei einem Instrumentenbauer. Doch 1985 wurden beide verraten, Ayse kam mit dem nicht einmal anderthalb Jahre alten Sohn in Haft. Im Rückblick bittet der Vater den inzwischen erwachsenen Sohn um Verzeihung, dass er sich damals mit Rücksicht auf die junge Familie nicht zumindest vorübergehend vom politischen Untergrund zurückgezogen hat.

Akhanlı verbrachte zweieinhalb harte Jahre im Militärgefängnis, ausführlich beschreibt er die damals erlittene Folter und die Folterknechte, er gibt auch die Gespräche mit ihnen in lebendigen Dialogen wieder. Er versucht sogar, wie Günter Wallraff in seinem Vorwort darlegt, seine Folterer zu verstehen.