Schönheit und Chirurgie Schädel, schöner als in der Kunst

Schier unbegrenzt sind die heutigen Möglichkeiten, Menschen zu einem neuen Gesicht zu verhelfen. Gleicht der plastische Chirurg also einem "bildenden" Künstler? Kulturwissenschaftler wandten sich dieser Frage nun bei einer Tagung in Berlin zu.

Von Volker Breidecker

Tausende Gipsmasken, die zur Vorbereitung plastischer Chirurgie dienen, im Jujin-Krankenhaus in Tokio - der ältesten japanischen Institution, die solche Eingriffe anbietet.

(Foto: REUTERS)

Schier unbegrenzt sind die Möglichkeiten der plastischen Chirurgie, Menschen zu einem neuen Gesicht zu verhelfen. Davon zehrt nicht nur eine boomende Schönheitsindustrie. Neurorchirurgie und kraniofaziale - das heißt in den Schädel- und Gesichtsknochen eingreifende - Chirurgie sind in der Lage, sowohl angeborene Fehlbildungen als auch von Erkrankungen oder von traumatischen Einwirkungen hervorgerufene Deformationen des Gesichts und des Schädels zu korrigieren.

Neben ethischen Überlegungen, wie weit solche Eingriffe gehen sollen oder dürfen, stellen sich ästhetische Fragen: Wie soll das "normal" oder sogar "harmonisch", "ausgewogen", "schön" gestaltete Gesicht eines Menschen eigentlich aussehen, um individuell oder gesellschaftlich "akzeptabel" zu sein? Und was bedeutet es, wenn ein solches Gesicht, wie es in der Kindermedizin vorkommt, zuvor nicht einmal vorhanden war, sondern vom chirurgischen Operateur zunächst einmal konstruiert, modelliert, geformt werden musste.

Gleicht der plastische Chirurg also einem "bildenden" Künstler? Um in einen Dialog zu treten, für den es sonst weder im Wissenschaftsbetrieb noch im klinischen Alltag einen Raum gibt, folgten internationale Schädel- und Gesichtschirurgen sowie Geistes- und Kulturwissenschaftler der Einladung nach Berlin zur Konferenz "Culture meets surgery - Kultur trifft Chirurgie" des Zentrums für Literatur- und Kulturforschung (ZfL).

Falsche und gefährliche Vorbilder

Die Frage: "Ist der plastische Chirurg ein Künstler?" beantworteten die meisten Vertreter der Profession mit Zustimmung und reklamierten darüber hinaus zwei Künstlerheroen der Renaissance als Vorbilder: Die einen beriefen sich auf den von gleichsam göttlicher Schöpferkraft inspirierten Genius Michelangelos, für die anderen verkörperte Leonardo da Vinci das Ideal einer Vereinigung von Kunst und exakter Wissenschaft. Für die Berliner Kunsthistorikerin Ute Kornmeier sind dies falsche und gefährliche Vorbilder, deren Inanspruchnahme bestimmte Ideale von klassischer Schönheit und Harmonie einhergehen, die in historisch unzulässiger Weise im Gepäck des Chirurgen weitertransportiert und zu stillschweigend vorausgesetzten Richtlinien seiner "Kunst" werden.

Leonardos Proportionslehre, die einen Kanon menschlicher Körper- und Schädelmaße entwarf, geistert noch heute durch die anatomischen Lehrbücher, unberührt von allen Kontaminationen, die den Pseudowissenschaften Physiognomie und Phrenologie anhaften, welche von der äußeren Gestalt des Menschen auf seinen Charakter und seine seelische Verfassung schließen, oder die davon überzeugt sind, das normgerechte Gesicht und die exakten Maße für eine "normale" Schädelbildung bestimmen und von "degenerativen" Abweichungen sondern zu können.

Augen, Mund und Nase, Stirn und Kinn

Michelangelo hingegen ist, wie der Oxforder Kunstwissenschaftler Martin Kemp einwandte, "Bildhauer und kein Modellierer": Seine Kunst beruht auf der Technik des "Weghackens" - kein empfehlenswertes Vorbild für den Chirurgen. Kemp erörterte von der Renaissance bis in die Gegenwart allerhand scheinbar exakte Versuchsreihen, worüber Gesichter charakterologisch lesbar werden sollten, Schlüsse von der Schädelgröße auf Gehirnmasse ebenso einbezogen wie die statistische Erfassung aller Abweichungen von der unterstellten Norm. Im wissenschafts- wie zahlengläubigen 19. Jahrhundert erreichte das Messen und Vermessen von Schädel- und Knochenlängen, Abständen zwischen Augen, Mund und Nase, Stirn und Kinn einen Höhepunkt, dessen Abgründe in den Degenerations- und Rassenlehren des 20. Jahrhunderts sichtbar wurden.

Für die ZfL-Direktorin Sigrid Weigel gehört dieser Ballast aus Pseudowissenschaft und Alltagsstereotypik zum unbewussten geistigen Gepäck, das der Anatom noch immer mit in den Schausaal und der Schädel- und Gesichtschirurg mit in den OP-Saal nimmt. Auffassungen wie diejenigen des Universalwissenschaftlers Carl Gustav Carus von der "Symbolik der menschlichen Gestalt", fortgeführt in Reihenstudien zur vergleichenden Anatomie von Tier- und Menschengesichtern und erweitert durch bild- und zahlengestützte Spekulationen in Kulturmorphologie fänden - obgleich wissenschaftlich längst widerlegt - weiter Platz im Alltagsbewusstsein, wo sie unter komplexen Verhältnissen rasche und schlichte Orientierung böten. In der Evolutionsbiologie und in Zweigen der Hirnforschung fänden dergleichen Denkmuster derzeit eine Renaissance.

Dass implizites Vorwissen, von dem der Chirurg selbst nicht weiß, wo es herkommt, ebenso wie die bloße Intuition Anteil an seinen Entscheidungen hat, räumt der pädiatrische Neurochirurg Ernst-Johannes Haberl von der Berliner Charité ein. Für ihn wiegt dies um so schwerer, als sich die ohnehin zunehmenden Unsicherheiten über unkontrollierte und auch tatsächlich unkontrollierbare Grundlagen chirurgischer Entscheidungen darüber verstärken. Dergleichen Unsicherheitsfaktoren blieben solange ein Problem, wie sie nicht definiert werden könnten, wozu die Werkzeuge noch fehlten.