Schlöndorff, Wortmann, "Päpstin" "Selbstmörderische Haltung"

Volker Schlöndorff sollte die "Päpstin" drehen, doch er kritisierte sein Studio und wurde gefeuert. Jetzt spricht er mit dem neuen Regisseur Sönke Wortmann.

Moderation: Fritz Göttler

"Die Päpstin" sollte ein Film von Volker Schlöndorff werden, mit Franka Potente oder Natalie Portman, und ist nun ein Film von Sönke Wortmann, mit Johanna Wokalek. Schlöndorff hatte in der SZ kritisch über die sogenannten Amphibienfilme geschrieben, die doppeltverwertet werden in Kino und TV, und war von der Constantin gefeuert worden. Anlässlich des Starts der "Päpstin" spricht er mit Sönke Wortmann über das Projekt - zwei Filme in einem, und ein gemeinsamer Traum vom großen deutschen Kino.

SZ: "Die Päpstin" ist auf unglückliche Weise eng mit der Diskussion um den sogenannten Amphibienfilm verknüpft, die Sie, Volker Schlöndorff, vor ein paar Jahren in der SZ ausgelöst hatten . . .

Volker Schlöndorff: So ist es. Und ich will das nun nicht ewig im Raum stehen lassen. Als "Anonyma" und "John Rabe" und "Baader Meinhof Komplex" starteten, ging's immer auch um den Amphibienfilm - und jedesmal musste ich als der Stock herhalten, mit dem auf die Filme eingeschlagen wird. Das möchte ich nicht mehr sein. Es gibt nichts Unangenehmeres als recht zu haben. Ich möchte aber von allen geliebt werden.

SZ: Dabei haben Sie den Begriff selber gar nicht erfunden.

Schlöndorff: Der stammt von Günter Rohrbach, aus den siebziger Jahren - und da war er absolut positiv gemeint. Es ging um Möglichkeiten der Filmfinanzierung. Ein Film muss sich zu Wasser und zu Lande bewegen können, hat Rohrbach gemeint, er muss kompatibel sein für das Medium Kino wie für das Medium Fernsehen. Das Fernsehen hat also die Filmproduktion unterstützt - und später dann folgenden Deal angeregt: Wenn die Filmemacher ihren Film so drehten, dass das Fernsehen dann durch weiteres Material einen Zwei- oder Mehrteiler daraus machen könnte, würde man mehr Geld zur Verfügung stellen. Darüber bin ich gestolpert, als ich die "Päpstin" vorbereitete, damals noch bei der Ufa. Ich dachte, in so einem Amphibienfilm müsse man auch zwei verschiedene Drehbücher haben, das eine, das die Geschichte in einem Bogen - Vorhang auf, Vorhang zu, Billy Wilders altes Prinzip - erzählt, das zweite mit entsprechenden dramaturgischen Momenten, mit Cliffhangers. Als das Projekt bei der Constantin landete, hat man gesagt, ein Drehbuch genügt, für die lange Fassung - "für die kurze nehmen wir das Beste zusammen, im Schneideraum findet man dann eine Struktur."

Sönke Wortmann: Ich habe gelesen, was Volker geschrieben hat in der SZ. Die Diskussion, die damals anfing, finde ich relativ absurd. Das ist mir zu grundsätzlich. Natürlich ist es falsch zu sagen, in jeder Filmproduktion stecke ein TV-Mehrteiler, aber das hat auch niemand behauptet. Die Länge eines Films ergibt sich aus der Geschichte. Die "Päpstin" ist ein sehr ausführlicher Roman, es war klar, der Film wird etwa zweieinhalb Stunden sein. Aber ich hatte nie ein dramaturgisches Problem, und ich musste keine Kompromisse machen. Wenn man die Amphibienfilme der letzten Zeit nimmt - "Der Untergang", "Baader Meinhof Komplex", "Anonyma", "John Rabe"-, bis auf einen waren das große Erfolge im Kino und im Fernsehen, sie haben Preise gewonnen, waren oscarnominiert. "Das Boot", ein Sechsteiler im Fernsehen, war herausragend. Coppolas "Pate", mein persönlicher Lieblingsfilm, habe ich mal in sechs oder zehn Folgen im Fernsehen erzählt bekommen. Bergmans "Fanny und Alexander", ein Meisterwerk, lief als Mehrteiler im Fernsehen, und der letzte Cannes-Sieger, "Das weiße Band", wird meines Wissens auch in zwei Teilen im Fernsehen laufen.

SZ: Der strenge Michael Haneke ein Amphibienfilmer, das ist überraschend.

Schlöndorff: Er hat das wohl mal als Fernsehzweiteiler konzipiert, vor Jahren . . . Ich bin der Letzte, der da als Dogmatiker auftreten will - in der Literatur haben ja auch Leute wie Balzac oder Dostojewski Fortsetzungsromane geschrieben, wir lesen sie in einem Guss. Ausgelöst wurde das Ganze durch eine praktische Überlegung: Müssen wir die Filmförderung nicht verteidigen gegen die Begehrlichkeit der Fernsehproduzenten, die aus jeder Fernsehserie vielleicht noch ein kinofähiges Zweistundenwerk zurechtschneiden - sodass es eines Tages überhaupt keine Grenze mehr gibt im Konzept zwischen Film und Fernsehen? Diesen Zustand haben wir in Deutschland sowieso praktisch erreicht, im Gegensatz zu anderen Ländern. In den USA und in Frankreich ist das sehr streng getrennt. Um auf das konkrete Beispiel zu kommen - ich habe jetzt "Die Päpstin" gesehen, das war eine vollkommen neue Erfahrung für mich, einen Film, den ich schon in meinem Kopf fix und fertig hatte über Jahre, auf einmal auf einer Leinwand zu sehen. Und es hat mir viel Spaß gemacht. Ich war verblüfft, wie wunderbar die Übergänge zwischen den drei Johanna-Darstellerinnen sind, da hatte ich am meisten Angst gehabt. Das ist wie beim Auto, wenn man umschaltet, braucht es ein bisschen, bis es wieder auf Touren kommt. Das hat mich richtig berührt, wieso hatte ich nur gezweifelt, dass das möglich ist . . . Man muss nur dran glauben. Ich hatte vielleicht einen zu realistischen Ansatz, mit Mittelalter, Kirche, Machtstrukturen. Es ist aber eine Legende. Man muss den Ehrgeiz dieser jungen Frau, es den Männern gleichzutun, ernst nehmen. Der Film funktioniert mit der gleichen Naivität, der gleichen Unverfrorenheit wie der Roman von Donna Cross.

Wortmann: Ich hatte das Gefühl, euer letztes Drehbuch war überfrachtet, da hatten zu viele Leute daran geschrieben. Wir haben ganz von vorne angefangen.

Schlöndorff: Damals war das, bei der Ufa, als Koproduktion mit einem major studio in Amerika geplant, mit Natalie Portman als Päpstin. Das wurde immer mit den Augen des amerikanischen Marktes gelesen, das war gewissermaßen die Quadratur des Kreises. Ihr wart von diesen Zwängen frei.

Wortmann: Wir haben zwar englisch gedreht, aber der Film ist in erster Linie für Deutschland gedacht. Neben Johanna Wokalek sollte es also einige fremdsprachige Stars geben, John Goodman zum Beispiel. Aber mir war doch wichtig, deutsche Schauspieler zu haben.

Schlöndorff: Die Frage ist, was macht eine Frau, wenn sie an die Macht kommt. Frau Merkel, die sich doch ganz anders verhält als Herr Schröder oder als Kohl, Adenauer, Sarkozy.

Wortmann: In der filmischen Realität, wenn man sich innerhalb ihrer Grenzen bewegt, ist diese Figur der Johanna doch ganz glaubhaft, mit ihrer Androgynität.

SZ: Muss man das also als eine politische Geschichte sehen?

Schlöndorff: Ich wollte das überhaupt nicht politisch machen. Ich wollte ein schönes Stück Trivialkino. Ich habe immer versucht, Film als Massenmedium zu machen, fürs große Publikum, und bin doch immer wieder bei der Filmkunst gelandet, schon mit dem "Törless". Ich habe das als Fluch empfunden.

Wortmann: Auch ich sehe das nicht als politischen Film. Johanna ist ja nicht angetreten, um Papst zu werden. Sie hat einen tiefen Glauben, den man nicht unbedingt erklären muss. Sie weiß, ihr Vater handelt falsch, trotzdem hat sie eine Liebe zu Gott und möchte es besser machen. Sie glaubt sich von Gott gelenkt, dass Gott sie an diesen Punkt der Papstwahl geführt hat. Das ist ein großer Motor ihrer Entscheidung. Außerdem ist sie pragmatisch, sie will die Welt besser machen. Drum macht sie das, trotz aller Zweifel.

Schlöndorff: Das ist ja Häresie. Der Schlüssel ist für mich die Kindheit. Als Mädchen darf sie nicht lesen und schreiben lernen. Daher dieses Trotzgefühl, dieses Jetzt-erst-recht. Sie kiebitzt, schaut den Brüdern über die Schulter, sie ist, wie viele Mädchen, aufgeweckter als die Brüder. Und am Ende ist sie wieder das Kind und setzt sich über alle Vernunft hinweg, sagt: Ich will. Donna Cross sagt, der Glaube spielt keine Rolle, es geht nur um die Frau und die Macht. Wenn Johanna ausholt, um ihren Segen zu erteilen, da ist mir das Herz stehengeblieben. Das ist unvorstellbar, wie Buñuel in "L'age d'or", wenn Christus als ein wilder Libertin gezeigt wird. Das ist Hybris, und da ist das Ende vorgezeichnet.

SZ: Gibt es Sachen, die Sie in der Kinofassung nun vermissen?

Wortmann: Die Hexenverbrennung ist nicht drin, mit dem Vater Johannas, eine meiner Lieblingsszenen. Aber als sie dann weg war, musste ich erkennen, dass die nächste Szene, wenn er seine Tochter verprügelt, umso stärker wirkt. Was das Fernsehen zusätzlich kriegt, ist also nicht Schrott - da gibt es Szenen, die schön sind, die aber nicht unbedingt ein Kinofilm braucht. Weil eine andere Aufmerksamkeit herrscht in einem Kinosaal als zu Hause am Fernseher. Da kann ruhig eine Information ein zweites Mal folgen, ohne dass es ärgerlich wird.

Schlöndorff: Es ist dennoch ein deutscher Sonderweg - Bergman mal beiseite gelassen oder Coppola. Der "Pate", das sind doch zunächst drei Kinofilme. Aber wenn die Leute weiter das Kino als besonderes Ereignis nehmen sollen, für das es sich lohnt rauszugehen, dann kann es nicht hilfreich sein, wenn man ihnen sagt, bald könnt ihr dasselbe in doppelter Länge im Fernsehen sehen. Das ist eine geradezu selbstmörderische Haltung.

Wortmann: Das hat ja auch zu keiner Zeit jemand behauptet. Auch "Die Päpstin" ist zunächst einmal ein waschechter Kinofilm und wird nach der üblichen Sperrfrist von zwei Jahren gesendet. Da bleibt genügend Zeit fürs Kino.

Im Video: "Die Päpstin" kommt ins Kino - In Sönke Wortmanns Bestsellerverfilmung "Die Päpstin" spielt die wandlungsfähige Johanna Wokalek nicht nur einen Mann, sondern sogar den Vertreter Gottes auf Erden.

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