Erklärungsbedürftig ist nicht die Gier, sondern die Unvernunft in einem besonderen Bereich des Wirtschaftslebens, der Finanzbranche. Die Gier mag hässlich und unmoralisch sein, unvernünftig ist sie noch nicht. Unvernünftig ist der Handel mit Schulden von armen Schluckern. Von dieser profunden Unvernunft konnte sich in den letzten Jahren jeder Bankkunde und jeder Zeitungsleser überzeugen.

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Da wollten Investoren mit einer mittelgroßen, durchaus florierenden, aber bereits gut verschlankten Tageszeitung über Nacht mehr als zwanzig Prozent Rendite machen; da wurden, um ein noch kleineres Beispiel zu geben, Papiere für den Bau von vier (!) Riesenrädern in Berlin angeboten, als "aussichtsreiches Investment". Nun kommt gerade einmal ein einziges, in reduzierter Höhe, zustande, irgendwann, demnächst.

Das Wasser fließt nicht bergauf, genauso wenig wie die Schulden von Leuten, die keine Ersparnisse haben, von Wert sind. Das Gesicht der Krise trägt mephistophelische Züge. Mephisto gibt Schuldverschreibungen aus, Zertifikate: "Der Zettel hier ist tausend Kronen wert./ Ihm liegt gesichert, als gewisses Pfand,/ Unzahl vergrabnen Guts im Kaiserland./ Nun ist gesorgt, damit der reiche Schatz,/ sogleich gehoben, diene zum Ersatz."

Diesen Versen aus dem zweiten Teil des "Faust" liegen historische Erfahrungen zugrunde: Als die Truppen Preußens und Österreichs 1792 in Frankreich einmarschierten, requirierten sie in Lothringen alle Schafherden zur Verpflegung ihrer Truppen. Sie bezahlten die armen Hirten mit Schuldverschreibungen auf großen gedruckten Zetteln: Ludwig XVI. werde alles bezahlen, stand da zu lesen.

Goethe hat die Szene als Tragödie beschrieben: Wollige, beleibte Tiere ziehen blökend von dannen, zurück bleiben labberige Papiere, die Ereignisse voraussagen, die noch nicht eingetreten sind: Die Alliierten werden siegen, der König wird wieder König, und er hat die Macht und die Bereitschaft zu zahlen.

Systemische Unvernunft

Solche offensichtlich unvernünftigen Wetten sind Anlegern und Investoren in den letzten Jahren massenhaft angeboten worden. Das aber heißt: Das Finanzsystem hatte sich emanzipiert von der Welt, wo wirkliche Schafe blöken und real Werte geschaffen, gehandelt und konsumiert werden.

Erst in dieser fernen Umlaufbahn oberhalb der belebten Atmosphäre entstand jene Schwerelosigkeit, die einen eigenen physikalischen Raum bildete. Hier konnte Unvernunft vorübergehend rational, ja zwingend werden. Ach was, Gier! Wäre es auf den Parketten mit den Bildschirmen und der riesigen Zackenkurve überhaupt möglich gewesen, sich nicht gierig zu verhalten? Die dort Arbeitenden hätten den Beruf wechseln müssen.

Die Unvernunft war systemisch geworden, aber das war am besten vom Boden aus zu beobachten. Es gibt Privatanleger, die in der gegenwärtigen Krise so gut wie nichts verloren haben - oft, weil sie gegen die Ratschläge ihrer Bankbetreuer handelten. Sie sind der Beweis dafür, dass alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Das bedeutet auch, dass Verantwortliche durchaus auszumachen sind. Und die sind vor allem in der Politik, am meisten in der amerikanischen, zu Hause.

Es sind die Geldverbilliger wie Alan Greenspan und die Neoliberalen, die jene Methode des "Versteckens" zuließen und förderten, die jetzt aus so vielem Gut nur Schlechtes macht. Gier und Wahn auf den Parketten sind sekundäre Effekte. Insofern ist es weder überraschend noch unvernünftig, wenn ein Konsortium von Finanzministern jetzt die Katastrophe bereinigen muss.

Die derzeitige Krise mag beispiellos sein; außerhalb allen Erfahrungswissens liegt sie nicht. Sie entstand, weil man einen Raum entstehen ließ, in dem Erfahrungswissen nichts mehr zählte. Das rächt sich immer.

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(SZ vom 21.10.2008/jb)