Von Gustav Seibt

Die Krise mag heute in irrationaler Gestalt um den Erdball fegen, ihre Grundlage ist einfach - und die Verantwortlichen sind durchaus auszumachen.

Die Krise: Seit mehreren Wochen rast sie werktäglich einmal um den Globus, so schnell wie die Erde sich um sich selbst dreht, nur ruckartiger. Ihr Rhythmus folgt der Naturzeit mit ihren Sonnenständen, nämlich den Morgenstunden und den Feierabenden an den großen Börsenplätzen: Frankfurt, New York, Tokio, Singapur. Bevor an einem dieser Orte die Börse ihre Tore öffnet, muss die nächste politische Rettungsmaßnahme beschlossen, verkündet, glaubwürdig gemacht werden.

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Das Gesicht der Krise trägt mephistophelische Züge. (© Foto: ddp)

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Scharfsinnig beobachtete ein Kollege in der Zeit, wie froh die Turbokapitalisten und Finanzhändler nun über die Wochenendruhe sein müssten, die angeblich so undynamische, kundenunfreundliche, dem Wirtschaftsleben so abträgliche: Alle fünf Tage tritt ein Ruhemoment ein, der es politischem Handeln erlaubt, dem Wahnsinn auf den Parketten hinterherzukommen. Die Nacht und der Samstag: Das sind die Zeiten, in denen die Krise ganz altmodisch zu Bett und ins Wochenende geht.

So erscheint sie als lebendes Wesen, vielleicht zerstörerisch - ihr Flammenwerferschlund verbrennt in Stundenschnelle halbe Volkswirtschaften -, aber nicht ohne Anschaulichkeit. Die Sprache, die über sie geführt wird, ist dämonologisch, archaisch. Todsünden und psychische Ausnahmezustände, Gier und Panik, geben der Krise ihr Gesicht.

Sie gleicht einer Allegorie auf alten Wandgemälden. An ihrem zerfressenen, ausgemergelten, tierköpfigen Leib flattert nicht das erklärende Spruchband "Schlechte Regierung" oder "Ungerechtigkeit"; kein Gespenst mit Namen "Kommunismus" stellt sich ihr vorerst in den Weg. Wie bei einer Feuerwerksrakete scheint man abwarten zu müssen, bis sie ihre Energie verbrannt hat und langsam zu Boden sinkt. Vorerst kann man nur in Deckung gehen.

Doch noch rast die Rakete. Sogar neue Sprengkörper zünden erst jetzt und verleihen ihr, wer weiß, neue Schubkraft. Nach den faulen Immobilienkrediten kommen nun die oberfaulen Kreditkartenkredite. Auch mit dem Dispo, in dem Millionen Konsumenten, vor allem in den Vereinigten Staaten, seit Jahren knietief stehen, wurde schwunghafter Handel getrieben: Überziehungszinsen sind hoch, und wenn jedermann ohne weiteres fünf Kreditkarten gleichzeitig bekommt, jede mit 10 000 Dollar Kreditrahmen, dann gibt es rasch viel Hochverzinsliches zu handeln.

Paralleluniversum Krise

Damit ist man wieder bei dem rätselhaften Doppelgesicht der Krise: Sie war so absehbar wie das zäh und unheilvoll sich heranwälzende Unheil in einem Albtraum. Zugleich erfährt man sie als irrational, wie Zuckungen eines Irrsinnigen. Dieser bekommt noch Panikattacken nach den gewaltigsten Beruhigungsspritzen der Wirtschaftsgeschichte.

Anlässe und Reaktionen scheinen sich entkoppelt zu haben, die Krise rast in einem Raum ohne die Gesetze der Schwerkraft, in einem nicht-newtonschen Parallel-Universum. Und wirklich entstand sie ja nicht in der Realwirtschaft, sondern im Überbau der Finanz. Erst im nächsten Schritt bekommt sie Bodenhaftung, aus der wilden Panik wird die zähe Depression, die durch verlassene Werkbänke, verödete Vorortsiedlungen und ausgehöhlte Shopping-Center kraucht.

Die Absehbarkeit der Krise bestand in Grundtatbeständen, die dem schlichten Hausverstand zugänglich sind. Kaufe ich Kreditkartenschulden einer Nation, deren Bürger nach Auskunft ihres eigenen Handelsministeriums beispielsweise Anfang 2007 insgesamt 95 Milliarden Dollar mehr ausgaben, als sie verdienten, deren Sparquote also negativ war - und das wie schon in vielen Jahren zuvor?

Die Krise mag heute in irrationaler Gestalt um den Erdball fegen, ihre wesentliche Grundlage ist einfach und glasklar: seit Jahren billiges Geld. Billiges Geld muss irgendwohin, also auch in faule Kredite. Am überraschendsten war, dass die Blase so spät platzte, also auch so groß werden konnte.

Die andere Seite ist die wahnwitzige Unvernunft der Akteure. Der Begriff "Gier" verstellt und verklebt dieses hochgradig überraschende Phänomen. Dass wirklich etwas faul war an dem vielen Geld - und vor allem, dass schon vor der Krise ein Bewusstsein davon vorhanden war, liegt schon in dem Begriff des "Versteckens", der bei den "neuen Finanzinstrumenten" eine so große Rolle spielt: Die Finanzhändler legten Mischprodukte auf aus gut und schlecht, wie Mischgewebe, wo Seide und Viskose zusammen verwendet werden, und wetteten darauf, dass das Gute das Schlechte zum Verschwinden bringen werde.

Aber bald trat ein Gesetz in Kraft, das materiell und psychologisch zugleich ist: Gut gibt es nur als ganz gut, halbgut ist schon schlecht oder ganz schlecht. Doch das Gewebe ließ sich nicht mehr auflösen, jedenfalls nicht rasch genug. Also wurde fast alles ganz schlecht. Da stehen wir nun.

Lesen Sie auf Seite 2, was die Verursacher der Finanzkrise mit Fausts Mephisto gemein haben.

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