Schauspielerin Alina Levshin im Interview "Der Reiz war, das Extreme rauszuholen"

Für die Darstellung einer ukrainischen Prostituierten gewann Alina Levshin erste Auszeichnungen, nun brachte ihr die Rolle einer vulgären und brutalen Neonazi-Frau den Deutschen Filmpreis ein. Ein Gespräch über das Hässliche, die Gefahr in einer Schublade zu landen und den Unterschied zwischen russischen und deutschen Frauen.

Interview: Paul Katzenberger

Ihr Leben ist die Bühne: Schon als 7-Jährige tanzte Alina Levshin im Kinderensemble des Berliner Friedrichstadt-Palastes, und noch vor dem Ende ihres Schauspiel-Studiums an der Potsdamer Hochschule für Film und Fernsehen war sie bereits in TV-Serien und am Theater zu sehen. Als Tochter russischer Eltern, die mit sechs Jahren nach Berlin gekommen war, verkörperte die 27-Jährige in Fernsehfolgen wie "Das Mädchen aus Sumy" zunächst häufig ukrainische oder russische Frauen, bevor ihr mit der Besetzung in der Hauptrolle des Neonazi-Dramas "Kriegerin" ein markanter Rollenwechsel gelang. Dieser wurde vor wenigen Tagen mit dem Deutschen Filmpreis belohnt.

Süddeutsche.de: Frau Levshin, Gratulation zum Deutschen Filmpreis. Sie wurden damit für die beste weibliche Hauptrolle in Ihrem aktuellen Film "Kriegerin" ausgezeichnet. In der Figur der Marisa zeigen Sie das Hässliche. Was hat Sie daran gereizt?

Alina Levshin: In erster Linie das Hässliche. Weil man das nicht so oft angeboten bekommt und im Allgemeinen spielt man das ja auch nicht so gerne. Man möchte nicht damit assoziiert werden. Aber für mich war das gerade besonders spannend.

Süddeutsche.de: Wieso?

Levshin: Weil ich so etwas noch nie gespielt habe. Und darin bestand auch der Reiz: Das einmal so richtig auszuprobieren. Das Extreme aus sich herauszuholen.

Süddeutsche.de: Das heißt, es war die schauspielerische Herausforderung, eine hasserfüllte, vulgäre und brutale Neonazi-Frau darzustellen, die Sie gereizt hat. Wollten Sie auch ein gesellschaftliches Phänomen erforschen?

Levshin: Beides! Natürlich hatte ich auch an dem Thema Interesse, ganz klar. Mich mehr damit zu beschäftigen und zu prüfen, ob ich vielleicht zu wenig darüber weiß. Es so hinzunehmen, das darzustellen und zu hoffen, dass es ankommt.

Süddeutsche.de: Das ist Ihnen nicht nur mit der Auszeichnung durch die Deutsche Filmakademie gelungen, Sie haben auch schon bei den Filmfestivals in München und São Paulo Preise für Ihre Rolle in "Kriegerin" gewonnen. Haben diese Erfolge auch etwas mit der augenblicklichen Brisanz des Themas zu tun? Der Film ist von der Realität überholt worden. Die Taten der "Zwickauer Terrorzelle" sind schlimmer als die Fiktion des Filmes.

Levshin: Ich war natürlich überrascht, als ich das erfahren habe. Dass man jetzt erst die Verbindungen sieht, die Schlüsse zieht, und dass da viele Jahre etwas unter dem Teppich lag, das ist natürlich krass. Ich bin aber froh darüber, dass es jetzt zum Vorschein gekommen ist. Natürlich hat das der Medienpräsenz des Filmes geholfen, als er in den Startlöchern stand. Ich hoffe aber vor allem, dass man jetzt in die Aktion kommt und nicht nur darüber redet, sondern wirklich etwas tut.

Süddeutsche.de: Was könnte denn getan werden? Sie und Ihr Regisseur David Wnendt haben sich in die Thematik ja stark eingearbeitet.

Levshin: Man könnte zum Beispiel verstärkt Aufklärungsarbeit leisten. Dass man unseren Film an ein junges Publikum heranbringt, bevor eine ideologische Festlegung erfolgt. Dass man den an Schulen zeigt, dass man darüber spricht, dass man zu den Leuten sagt: 'Hört mal zu, hier ist was, wollen wir darüber reden? Was haltet Ihr davon?' Vielleicht wollen sie etwas sagen. Vielleicht kommen sie nicht dazu, vielleicht fragt sie auch keiner.

Süddeutsche.de: Dieser Dialog wäre bestimmt begrüßenswert, aber die Ursachen des Rechtsextremismus sind doch so tiefgründig, dass mehr geschehen müsste.

Levshin: Natürlich, der Film wird nicht zur Folge haben, dass alle Neonazis sagen: 'Oh, wir haben jetzt keine Lust mehr, wir haben es jetzt eingesehen.'

Süddeutsche.de: Muss man denn nur bei den Neonazis selbst ansetzen? Es fällt ja auf, dass es die Neonazis vor allem in den Gegenden Deutschlands gibt, in denen generell ein Problem mit gesellschaftlicher Teilhabe besteht.

Levshin: Ja, da gibt es Schnittpunkte. In diesen Gegenden ist das Risiko höher. Dort gibt es weniger Möglichkeiten und weniger gute Ideen. Bestimmt hat es auch etwas mit Bildung zu tun und mit dem Elternhaus - und dann sehen die jungen Leute plötzlich keine andere Lösung mehr, sondern haben nur noch diese eine Gruppe vor Augen. Die heißen eben "Neonazis" - oder vielleicht sind sie auch Menschen, die wie sie sagen, einfach ein bisschen mehr national sind. Und plötzlich scharen sich junge Leute zusammen und verfolgen ein rechtsradikales Ziel. Das ist eine gesellschaftspolitische Aufgabe.

Süddeutsche.de: Kann diesen Leuten an diesem Punkt noch rausgeholfen werden? Sind sie von Alternativen überhaupt noch zu überzeugen?

Levshin: Manche wollen es vielleicht nicht. Da muss man dann prüfen, wie man mit diesen Leuten in Verbindung tritt. Man kann die ja nicht einfach abschieben und sagen: 'Ihr gehört jetzt nicht mehr zu Deutschland, das geht nicht.' Andere sind vielleicht froh, dass sie angesprochen werden. Dann muss die Gesellschaft ihnen aber auch Alternativen anbieten können.

Süddeutsche.de: Sie waren in Ihren bisherigen Rollen die Russin vom Dienst. War die Verkörperung einer hässlichen Deutschen auch der Versuch, das Rollenstereotyp der schönen Russin hinter sich zu lassen?

Levshin: Ja, ich habe einige Rollen gespielt, die das Russische als Hintergrund hatten. Das liegt bei meiner Herkunft auf der Hand. Wenn man das aber ein paar Mal gemacht hat, was auch großartig war, dann versucht man natürlich, noch ein bisschen diese andere Schiene zu vervollständigen und zu zeigen: Ich kann auch ganz anders.

Süddeutsche.de: Viele Schauspieler haben Angst, auf eine Rolle festgelegt zu werden für den Rest Ihrer Karriere. War das bei Ihnen auch so?

Levshin: Das ist ja auch leicht, von der Besetzungsseite her zu sagen: 'Okay, der hat jetzt so etwas gemacht, das hat funktioniert, den nehmen wir einfach nochmal.' Ich glaube, das passiert ganz oft. Dadurch kommt man als Schauspieler in diese Schublade und bleibt da vielleicht hängen.

Süddeutsche.de: Diese Gefahr haben Sie mit Ihren 27 Jahren ja schon früh gebannt.

Levshin: Das hat vielleicht auch mit Glück zu tun. Dass da jemand war, der gemerkt hat, die kann auch ganz anders, und wir geben ihr jetzt mal diese Chance. Man müsste sich viel öfter trauen. Das war bei mir so und ich bin froh darüber.

Süddeutsche.de: Heißt das für die Zukunft, dass Sie sich das Recht herausnehmen werden, auch wieder eine Russin darzustellen?

Levshin: Ja! Im neuen Film von Matthias Schweighöfer "Schlussmacher" habe ich einen kleinen Auftritt als Russin. Wir kennen uns aus vielen Castings und über seine Anfrage habe ich mich sehr gefreut. Klar bieten sich solche Rollen für mich an, ich spreche Russisch und wenn man das authentisch haben möchte, dann bitteschön. Die nächste Hauptrolle ist eine erfolgreiche Frankfurter Geschäftsfrau, die eine Art Doppelleben führt. Das hat nun gar nichts Russisches.

Süddeutsche.de: Im realen Leben sind Sie ja auch so etwas wie eine Mischung aus einer Russin und einer Deutschen. Sie kamen als 6-Jährige nach Berlin und leben seitdem hier. Der Kontakt zu Ihren Verwandten in Odessa ist aber nie abgerissen, Sie sind oft dort. Welche grundsätzlichen Unterschiede gibt es aus Ihrer Sicht zwischen russischen und deutschen Frauen?

Levshin: Es gibt große Unterschiede, das sind verschiedene Kulturen mit zwei unterschiedlichen Rollenbildern. In Deutschland kann es sich eine Frau erlauben, Berufe auszuüben, die in Russland eher dem Rollenklischee des Mannes entsprechen würden. Natürlich wird auch in Russland versucht, die Frauen zu unterstützen, etwa mit einer Frauenquote, aber das funktioniert hier in Deutschland wesentlich besser. In Russland sind die Verhaltensmuster noch sehr schubladenartig.