Nach dem Krieg, nach den Jahren in Verstecken, ist der 1932 in Chemnitz geborene Degen erst einmal nach Israel gegangen und dort, bei den Kammerspielen in Tel Aviv, hat er mit der Schauspielerei begonnen. Zwei Jahre blieb er, dann kam er wieder nach Deutschland zurück. "Ich habe meine Muttersprache vermisst", sagt Degen. Seinem Sprechen hört man diese Liebe zur Sprache an, mit Worten geht er sorgsam um, aber nicht geizig. Gerne wiederholt er Halbsätze, betont, phrasiert, dramatisiert.

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Ihm beim Erzählen und Gestikulieren zuzuschauen, ist unterhaltsam. Wenn er etwa von einem Streich erzählt, den er Brecht bei den Proben zu "Der Held der westlichen Welt" spielte oder wenn er ein Telefonat mit Marcel Reich-Ranicki nach Erscheinen seines Romans "Blondi" in unterschiedlichen Tonlagen nachspielt ("Herr Degen, ich finde Ihr Buch fa-bel-haft! Aber sind Sie wahnsinnig geworden? Wie können Sie ein jüdisches Mädchen zum deutschen Schäferhund machen?"). Das ist unterhaltsamer als viele Fernsehfilme, bei denen der 77-Jährige mitwirkte.

Der Großmime vertraumschifft im TV

Zur verbalen Eleganz trägt er einen eisblauen Kaschmirpulli, das Haar in schwungvoller Silberwürde, darunter rahmen die dunklen Augenbrauen einen Blick voll jener Melancholie, die wohl auf Erfahrung und Nachdenken beruht. Kein Wunder, dass ihn Fernsehregisseure gerne besetzen, wenn es darum geht, einen Gescheiterten mit Fallhöhe darzustellen. Solch eine Fallhöhe unterstellt man auch ihm selbst, weil man den Schauspieler immer wieder einspannen will, wenn es darum geht, gegen das Fernsehen und für die Hochkultur zu zetern.

Der Großmime vertraumschifft im TV, heißt es dann. Immerhin hat ihn der Theaterkritiker Gerhard Stadelmaier einmal als legitimen Erben Gustaf Gründgens hochleben lassen, und in Degens seitenlanger Filmografie finden sich einige Außergewöhnlichkeiten, "Claude Chabrols Wahlverwandschaften" etwa, die Romuald-Karmakar-Filme (Frankfurter Kreuz, Manila), Dieter Wedels Mittags auf dem roten Platz, Michael Kehlmanns Geheime Reichssache oder auch der Zweiteiler "Die Geschwister Oppermann". Aber auch vieles, was sich geräuschlos versendet hat. Spricht man ihn an auf all die mittelguten Filme seines Lebens, redet er nicht drumrum: "Ich hatte vier Kinder zu ernähren, irgendwo muss das Geld ja herkommen, und da hab ich dann auch mal Schrott gedreht. Es gibt ja auch immer weniger Nicht-Schrott."

Mit seiner großen Liebe hat er selbst Schluss gemacht, sich vom Theater weitestgehend zurückgezogen, auch wenn er gerade wieder auf der Bühne von Dieter Hallervordens Schlossparktheater steht. All die "Schrotttexte", dazu diese Tedenz zur "Vergewaltigung des Textes", das ging ihm einfach zu weit, und als Daniel Kehlmann neulich zu seiner Suada gegen das Regietheater ansetzte, fand er das wunderbar. "Dass der Junge diesen Mut gehabt hat"; anerkennend pocht er auf die Tischplatte. Die Bühnen- und Fernsehausflüge sind mittlerweile zu kleinen Fluchten geworden, Degens Verlag drängt ihn zum Bücherschreiben, und die Geschichte seines Lebens, die er spät veröffentlicht hat, ist heute wohl seine wichtigste Rolle. Was er noch gerne spielen würde? "Nichts. Ich habe alle Rollen gehabt."

Michael Degen sagt das schnell, aber ohne Großschauspieler-Gehabe. Nur als der Fotograf später verlangt, er solle für das Foto doch bitte mal "cheffig" die Arme vor der Brust verschränken, will er lieber nicht. Die Geste ist ihm zu herrisch. Auf Bitten probiert er sie aber trotzdem. Er ist Gentleman. Einer, der sich offenbar gerne überreden lässt.

Die Seele eines Mörders, ZDF, Montag, 16. November, 20.15 Uhr.

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(SZ vom 14.11.2009/iko)