Schauspiel nach Sepp Bierbichler Schwarz allein reicht nicht

Anta Helena Reckes "Mittelreich" an den Kammerspielen

Von Eva-Elisabeth Fischer

Blutleer war sie, Anna-Sophie Mahlers Inszenierung von "Mittelreich". Josef Bierbichlers saft- und kraftstrotzende Dramatisierung seines lebenssatt in einem Roman ausgemalten, 100 Jahre umfassenden Bauern-Geschichts- und Geschichtentableaus, ging nun, knapp ein Jahr später abermals als Premiere deklariert, in der Besetzung mit ausschließlich farbigen Darstellern noch einmal über die Bühne des Schauspielhauses. Die Neueinstudierung stammt von Anta Helena Recke, seinerzeit Mahlers Regieassistentin. Das ließ hoffen, dass sich nunmehr jene Abstraktion einstellen würde, die Mahlers Konzept verfehlt hatte. Oder durfte man gar eine belebende Blutzufuhr erwarten, da doch sämtliche Darsteller, wie die Regisseurin selbst, dunkelhäutig sind? (Aber dies nun wäre politisch unkorrekt, da von, wenn auch positive, Vorurteilen gesteuert.)

Recke erklärt die Hautfarbe wortreich zum Politikum der Aufführung: "In Mahlers Mittelreich-Fassung werden auch nicht-deutsche Körper thematisiert. . . Da bin ich gemeint, weil ich den deplatzierten Schwarzen Körper habe" - ein Zitat, dass einen fast 60 Jahre nach der stolzen Propagierung schwarzen Selbstbewusstseins mit dem Slogan "Black ist beautiful" doch ziemlich irritiert.

So schwarz sind sie dann ja auch wieder nicht, diese neuen sechs Körper und Gesichter. Dass man über die Farbschattierungen der Darsteller nachdenkt, hat mit zweierlei zu tun: Einerseits stellt sich ziemlich schnell heraus, dass deren Hautfarbe für das Bühnengeschehen völlig irrelevant ist. Denn eine ähnliche Familiensaga um Schuld, Verdrängung, Missbrauch, Flüchtlingsproblematik und Erbstreitigkeiten wäre, vom oberbayerischen Lokalkolorit, das von Mahler und folglich auch von Recke in ihrer 1:1-Einstudierung sorgfältig wegretuschiert wurde, einmal abgesehen, wohl überall vorstellbar. Vor allem aber krankt diese Aufführung an den Akteuren, weshalb sich eigentlich jede weitere Diskussion erübrigt. Es gibt immerhin zwei Ausnahmen: den hochgewachsenen, kantigen Victor Asamoah, der über eine enorme physische Präsenz verfügt und das bereits im Bierbichler'schen Original verballhornte Schlesisch seines aus Kattowitz geflohenen Faktotums Victor erheiternd zu nachdenklichem Brummen verkürzt. Und Yosemeh Adjei, der das zwittrige Fräulein Zwittau zur schrägen Drag Queen stilisiert, ist der einzige Sänger unter lauter Nicht-Sängern.

Das machte nichts aus, gereichte jenen dieses Manko wie vormals den Kammerspiel-Schauspielern dazu, daraus komische Funken schlagen. "Mittelreich" ist nun aber als Musiktheater annonciert. Und Prisca Mbawala-Dernbach dirigiert im Orchestergraben tatsächlich zwei leibhaftige Pianisten und einen Paukisten. Der famose Chorgesang aus dem Brahms-Requiem erklingt dankenswerter Weise als Zuspielung. Auf der ganzen Linie schlechtes Laientheater zu inszenieren, das nun aber ist wirklich diskriminierend.