Schauspiel Erniedrigung und Schulterzucken

Willkommen in meinem Leben: Lynndie England (Pia Kolb) führt den Zuschauer mit Hilfe von Dias durch ihr Leben.

(Foto: Dietrich Mittler)

Die amerikanische Soldatin Lynndie England posierte auf Fotos vor misshandelten Gefangenen im Irak. Das Stück "Covergirl" am Theater Undsofort porträtiert die Frau, in der viele nur ein Monster sehen

Von Christiane Lutz

Sie sei Patriotin, keine Frage. Das beteuert Lynndie England immer und immer wieder. Sie habe außerdem nur die Befehle anderer ausgeführt. Sei verliebt gewesen. Jung. Ein bisschen naiv vielleicht, okay, aber keinesfalls bösartig oder brutal. Die Frau, die in Jogginghose und Schlabbershirt auf der Bühne sitzt und etwas ratlos mit den Schultern zuckt, ist im Jahr 2004 zum Gesicht der Folter im irakischen Militärgefängnis von Abu Ghraib geworden. Fotos von ihr gingen um die Welt. Fotos, auf denen Lynndie England einen am Boden liegenden Mann an einer Leine hält. Fotos, auf denen sie mit Zigarette im Mund vor nackten Gefangenen posiert. Demütigung. Erniedrigung. Und Lynndie England grinst.

"Covergirl" heißt das Theaterstück von Barbara Herold, das aktuell im Theater Undsofort zu sehen ist. Ein Einpersonentext, mit Pia Kolb in der Hauptrolle, inszeniert von Heiko Dietz. Barbara Herold montiert aus echten Interviewausschnitten mit Lynndie England und selbst geschaffenen Texten einen dichten Monolog, den die Schauspielerin vor einem unsichtbaren Fragesteller hält. Die Lynndie England dieses Stückes tut das scheinbar nicht aus dem Wunsch heraus, sich zu erklären oder gar zu entschuldigen, sondern lediglich, um ihre Geschichte zu erzählen, für die sich nach Veröffentlichung der Fotos alle Welt interessierte.

Die reale Lynndie England wuchs eher ärmlich in West Virginia auf. Sie fasste den Entschluss, dem Militär beizutreten, das sie schließlich in den Irak versetzte. Da war sie 20 Jahre alt. Im Irak lebte sie mit ihrem damaligen Freund Charles Graner, dem späteren Vater ihres Kindes. Was in Abu Ghraib genau passierte, ist bis heute nicht vollständig aufgeklärt, beziehungsweise nicht vollständig zu deuten. England behauptet vor Gericht, von Kollegen zur Pose auf den Folter-Fotos gezwungen worden zu sein. Sie habe ihrem Freund gefallen wollen, das Ganze sei als Akt der Liebe zu lesen. Das amerikanische Militär verurteilte das Verhalten von Lynndie England und ihren Kollegen aufs Schärfste als "unamerikanisch", England wurde zu einer Haftstrafe von drei Jahren verurteilt, kam nach knapp zwei Jahren auf Bewährung frei und hat inzwischen ein Buch geschrieben. In einem Interview sagte sie, dass die Iraker den Amerikanern weit Schlimmeres angetan hätten, hätten sie die Gelegenheit dazu gehabt. Bis heute zeigt sie keine Reue.

Sucht man im Internet Videoaufnahmen von Lynndie England, präsentiert sie sich stets nüchtern, regungslos, etwas plump. Schulterzucken. Ist halt dumm gelaufen damals. Doch Pia Kolb, die Schauspielerin am Theater Undsofort, füttert die Figur noch mit einer virilen Getriebenheit. Sie tigert durch den Raum, schüttelt ihre burschikos geschnittenen Haarschopf, als suche sie etwas. Als gebe es da noch etwas tief in ihr, das sie finden und dann erklären könnte. Aber da ist nichts. Und so richtig versteht sie auch nicht, was an diesen Fotos so schrecklich gewesen sein soll. Sie erzählt vom Rummel um ihre Person damals, von Schlagzeilen und Titelseiten. "Ich war ein Covergirl", sagt sie, und versucht nicht einmal, ihren Stolz darüber zu verbergen. Dieser Theater-Lynndie-England möchte man spätestens nach 20 Minuten eine Ohrfeige verpassen. Sie schütteln, damit vielleicht so etwas wie Empathie herausbricht. Doch auch hier: kein schlechtes Gewissen. Die einzige Sache, die ihr leid täte, sei, dass sie die Fotos damals nicht sofort gelöscht hätten.

Ein Theaterstück über eine noch lebende Person und eine durch sie ausgelöste hochpolitische Debatte zu schreiben und zu inszenieren, ist natürlich schwierig. Autor, Regisseur und Schauspieler müssen tatsächlich Geschehenes interpretieren, eine Haltung zur Wahrheit finden, auch, wenn gar nicht klar ist, was wahr ist. Es gibt Menschen, die glauben Lynndie England, wenn sie sagt, nur Befehle ausgeführt zu haben. Die sie als Opfer männlicher Gewaltfantasien sehen. Die sich nicht vorstellen können, dass sie gern posiert hat vor den wehrlosen Gefangenen. Barbara Herold bezieht aber klar Stellung in ihrem Text, für sie ist Lynndie England kein Opfer, sondern eine Frau, die nicht in der Lage ist, Empathie zu fühlen. Doch die Autorin wird nicht anklagend und gibt die offenbar mäßig intelligente Lynndie England nicht der Lächerlichkeit preis. Die Passagen über ihren Sohn Carter beispielsweise sind die aufrichtigen Worte einer lieben den Mutter. Herold kritisiert auch die Medien, die England nach den Folterfotos zum "Covergirl" stilisierten und ihr so zu zweifelhafter Berühmtheit verhalfen. Sie geht der Frage nach, was Patriotismus in Kriegen wie dem im Irak eigentlich bedeutet. Patriotismus zeichnet sich für Lynndie England dadurch aus, dass sie in der Lage ist, alle Staaten in alphabetischer Reihenfolge aufzuzählen und Befehlen zu folgen.

Heiko Dietz und Pia Kolb gelingt am Theater Undsofort mit ihrer Inszenierung des Stoffes eine ernsthafte Auseinandersetzung mit einer Frau, die längst vorverurteilt war, bevor sie vor Gericht kam. Kolb spielt mit großer Empathie die nicht zur Empathie Fähige, raut die schulterzuckend glatte Oberfläche der Lynndie England so an, dass ein Urteil schwer fällt. Und am Ende bleibt der Wunsch nach einer Gerechtigkeit, die niemals hergestellt werden wird.

Covergirl, Mittwoch, 15. Juli, 20 Uhr, Theater Undsofort, Kurfürstenstr. 8, 23 21 98 77