Schauplatz Berlin Standbild und Stakkato

Straßenbilder aus aller Welt, projiziert auf das Pflaster von Berlin, Ecke Kurfürstendamm/ Joachimsthaler Straße. Es gibt kein Innehalten. Eine Studie des flüchtigen Blicks.

Von Lothar Müller

Manche Passanten stutzen, wenige bleiben stehen. Nur für einige Sekunden ist ein Bild auf dem Trottoir zu sehen, dann folgt schon das nächste. Berlin nimmt den ganzen Oktober über am Europäischen Monat der Fotografie teil. Hier an der Ecke Kurfürstendamm/Joachimsthaler Straße wird in der schon vor einem halben Jahrhundert arbeitslos gewordenen Verkehrskanzel über dem Kiosk jeden Abend ab 20 Uhr ein lichtstarker Projektor eingeschaltet. Die immer noch elegante Verkehrskanzel mit ihrem kargen Interieur aus Leere und Normaluhr hat schon viel gesehen. Demonstrationen, Kunstaktionen, und wie um sie herum die Lichtreklamen wuchsen. Jetzt blickt sie auf die "Street Projections", veranstaltet vom Photowerk Berlin. Fotografen aus Russland und Italien, den Vereinigten Staaten, den Niederlanden und Südafrika, Österreich und Deutschland wurden dafür ausgewählt. Gerade ist eine Brücke zu sehen, mit einem Graffito: "Denn das Wesen dieser Welt vergeht." Ja, so ist es. Und besonders schnell vergehen diese Fotografien. Sie dürfen nicht sagen: "Ich verlange deine Aufmerksamkeit." Ein Passant müsste lange hier stehen, um auf die Wiederkehr des Bildes zu warten, auf dem er die Gesichter der Menschen, die Straßen und den Verkehr gern näher betrachten würde. War das gerade New York? Wo fand diese Demonstration statt? Wird da auf Englisch für einen Philatelistenkongress geworben? Und da ist ja auch Berlin, die S-Bahn-Trasse am Alexanderplatz, im Stil der Achtzigerjahre, und dort, sehr kühl und zugleich rätselhaft verwischt, der Eingang zum Bahnhof am Potsdamer Platz.

Schön wäre es, der Betrachter dürfte die schlanke Leiter hinaufsteigen, die auch auf den Sprungturm eines Schwimmbads führen könnte, und am unermüdlichen Projektor einen langsameren Rhythmus einstellen. Aber das hier ist eine Konzept-Ausstellung. Sie will die Straßenfotografien auf die Straße zurückbringen, in die Welt der Flüchtigkeit, aus der sie hervorgegangen sind, vor die Augen nicht von Galeriebesuchern, die davor wie vor Tafelbildern stehen, sondern vor die Augen zufälliger Passanten. Die laufen über die Bilder hinweg, einer blickt auf sein Smartphone, nur eine Frau mit Kinderwagen zögert an der nur vom Licht markierten Bildkante und kurvt um die Straßenszene herum. Gleichmütig verrichtet der Projektor seine Arbeit als Kurator. Er bleibt seiner Idee treu, die Fotografien dem Stresstest des flüchtigen Blicks zu unterziehen.