Schauplatz Berlin Biorhythmen in Prenzlauer Berg

Der Prenzlauer Berg war einst ein Szene-Viertel in Berlin. Doch mittlerweile ziehen viele junge Familien hierher. Weil der Bezirk durchaus eigen ist, zeichnet sich ein richtiger Machtkampf ab.

Von Gustav Seibt

Sitzt ein Schriftsteller in seiner Altbauwohnung in Prenzlauer Berg und schreibt. Oben, bei der neu zugezogenen Familie, tobt ein Kindergeburtstag. Geht der Autor nach oben und fragt, ob das Toben auf 110 Quadratmetern, vielleicht die 18 Quadratmeter seines Schreibplatzes aussparen könnte. Die junge Mutter fühlt sich angegriffen: "Ich kann die Kinder nicht festbinden." Der Schriftsteller begeht einen großen Fehler, er erwidert: "Zwischen Festbinden und 110 Quadratmetern gab es mal einen weiten Raum, der hieß Erziehung."

Wie oft spielen sich solche Szenen hier ab? Eigentlich hat der Exodus der Prenzlauer Berger, die immer da waren oder in den Neunzigern zuzogen, die spät aufstanden, zu Hause irgendwas arbeiteten und dann bis tief in die Nacht feierten, längst begonnen. Schon seit der Jahrtausendwende, als Kitas und Müttercafés Clubs und Kneipen verdrängten, als Frühaufsteher über Künstlern und Studenten einzogen. Als die einen Ruhe zum Ausschlafen, die anderen Stille für ihre Kleinen am Abend verlangten. Und jeder hat recht! Die einen vertreten Morgenruhe und Abendkrach, die anderen den Biorhythmus der hart arbeitenden, auf engem Raum wohnenden jungen Familien mit ihren brutalen Zeitplänen zwischen Beruf und Kita.

Wäre Ausgleich möglich? An jedem anderen Ort: ja. Hier: eher nicht. Denn der Bezirk hat eine mythische Geschichte, jede Lebensfrage wird zur Grundsatzfrage zwischen Alteingesessenen und Zuzüglern. Der Übergang verlief zu abrupt, Verdrängung, wie es die Früheren nennen, kam über Nacht. Plötzlich rumpelte es am frühen Morgen, und die Neuen waren da. Und dann lagen Zettel in den Briefkästen mit Verhaltensanweisungen dieser Neuen.

Vor zwei Wochen hat der Autor Michael Nast (Verfasser von "Generation beziehungsunfähig") einen solchen Zettel auf seine Facebookseite gestellt. Darin wird erklärt, wie man sich gegen Partylärm aus der Kulturbrauerei an der Schönhauser Allee ("Technonächte"!) wehrt: "Es macht keinen Sinn, wenn ihr schon eine Viertelstunde vor Ort auf die Polizei wartet und der Veranstalter alle Fenster und Türen in dieser Zeit geschlossen hat und dann der Geräuschpegel um 30 Prozent gesunken ist, wenn die Beamten eintreffen." Die Antwort ließ nicht auf sich warten: "Liebe Anwohner der Kulturbrauerei, wenn Ihr euch gestört fühlt, packt Eure unerzogenen Gören in Eure SUVs und fahrt zurück in Eure Heimat! Dann schließen auch wieder ein paar Kinderläden und Frauentreffs. Somit können wieder einige geile Kneipen und Bars eröffnen!" Es folgten Tausende Kommentare. Neue Zettel in den Briefkästen, mehr Postings, noch mehr Kommentare! Berichte in der B.Z. und jetzt auch in der SZ!